Informationen und Impulse für das Corona-Zeitalter

Juni 2020

In Zeiten von Corona denkt Sergio Benvenuto über den Menschen und das Böse nach. Er beleuchtet unter anderem warum linke Gedanken mit Umweltparteien gut zusammenpassen. Zuerst einmal weist der italienische Philosoph und Psychoanalytiker Sergio Benvenuto darauf hin, dass es unter den Philosophen eine Art Grabenkampf gibt, ob Corona nun als eine „natürliche“ oder doch eher „soziale Tatsache“ betrachtet werden sollte. Die Pointe folgt auf dem Fuße, denn er selbst lehnt solche Betrachtungsweisen ab. Stattdessen begibt er sich auf die Suche nach dem „Bösem in unserer Tradition des Denkens“.   Böse & gut Sergio Benvenuto betint, dass in der westlichen Philosophie das Bestreben – „nicht an das Böse zu glauben“– stets recht dominant war. Allerdings stellt er dem gegenüber, dass das Leben und die Welt nun einmal voller Schmerz, Ungerechtigkeit und Übel ist. Wiederum nimmt das Böse für viele Philosophien den Status einer Illusion ein. Letzteres, gilt dabei neuerdings aber auch für die „Zeit an sich“. Zumindest in der

Caleb Smith unterrichtet als Professor "English and American Studies" an der Yale University. Irina Dumitrescu ist Professorin für mittelalterliche Literatur in Bonn. Letzteres erklärt die Erwähnung von Dämonen in ihrem gemeinsamen Essay „The Demon of Distraction“.   Irina Dumitrescu und Caleb Smith schildern Gedankengänge, welche während der ersten Wochen und Monate unter den Auswirkungen von Corona entstanden sind. Diese sortieren sich hier zu einem Gesamtgefüge, welches die Stimmung jener Zeit einfängt, während zugleich Vergleiche und Begriffe aus dem Frühmittelalter eingefügt werden. Allerdings weisen die Autoren in ihrem eigenwillig charmanten Essay erst einmal darauf hin, dass bei ihren eigenen und allerersten Gedanken zur Pandemie, Bilder wie aus amerikanischen Kinofilmen vor dem inneren Auge erschienen: Also Schließung offener Räume, Reiseverbote und militarisierte Grenzkontrollen. Es wurde dann aber doch anders. Und dieses Andere, bestehend aus ewig erscheinenden Tagen oder dann wieder schnell vorbeihuschenden Zeitabschnitten, das beschreiben die Autoren detailliert. Bereits hier lässt sich sagen, weder die kalifornische Filmindustrie noch

Nach Ansicht des russischen Autors Vladimir Sorokin zeigt die Globalisierung in Zeiten von Corona ihre Schwäche und es wird viele schwerwiegende Veränderungen geben. Sorokin hat auch einen ganz besonderen Quarantäne-Tipp parat.   Der russische Schriftsteller und beinharte Systemkritiker Vladimir Sorokin hält die Corona Pandemie für einzigartig, weil sie „unsere mächtige und fortschrittliche Welt“ überfallen habe. Er vergleicht sie im Interview mit dem Eisberg, der ein Leck in das legendäre Passagierschiff „Titanic“ schlägt und es schließlich zum Sinken bringt. Eben so habe Corona ein Leck in die globale Welt geschlagen - mit ungewissem Ausgang

Wörter wie Maskenpflicht oder Kontaktsperre erinnern an dunkle Zeiten. Diskursforscherin Ruth Wodak erläutert die Zusammenhänge – unserer Wörter. Zeiten ändern sich. Wörter und damit unser Wortschatz auch. „Zum einen haben wir eine Krise und zum anderen wird diese durch ein neues Vokabular begleitet", sagt Wodak. Sie fährt fort, dass man aktuell über die „Reproduktionszahl" diskutiert oder sich fragt, wie lange „Social Distancing" noch nötig ist. Oder ob und wie die „Maskenpflicht“ nützt oder sich „Risikogruppen“ besser schützen lassen. Vor allem stolpert Ruth Wodak über den Begriff „Herdenimmunität“. Dieser lässt seltsame Konnotationen zu, zum Beispiel ob wir nun nur noch alle als Tiere wahrgenommen werden.   Wie im Krieg Daneben unterstreicht sie die allgemeine Kriegsmetaphorik. Angeführt wird von Ruth Wodak, dass es in den USA einen „War on Terror“ und einen „War on Drugs“ gab. Jetzt ist dort wie auch bei uns von einem „War on Virus“ die Rede. Wir befinden uns im Krieg, so oder ähnlich sagte es

Die Philosophin zitiert in Sachen Corona die Bibel und Sokrates. Sie sieht vor allem eine spirituelle Krise.   Daneben erklärt Olivia Mitscherlich-Schönherr, dass selbst „konservative“ Christen das Coronavirus nicht für eine Strafe Gottes halten. Allerdings bevorzugt diese Gruppe zumeist eine längere Erzählung, wie man solche halt auch aus der Bibel kennt, als mögliche Begründung der Epidemie. „Sie zaubern dann eine Verschwörungstheorie aus dem Hut und sagen: Es gibt hier irgendwelche dunklen Mächte des Bösen, die uns in unserem Eigenen gefährden.“ Olivia Mitscherlich-Schönherr verweist auf den Umstand, dass die Bibel wiederum selbst eine lange Erzählung ist. Das was im Alten Testament erzählt wird, fasst sie mit dem lapidaren Satz zusammen: „Die Juden machen nur Mist.“ Aber auch im neuen Testament entdeckt die Theologin das Bild einer besonderen Erzählung. Schließlich umgibt sich dort Jesus „nur mit Versagern, mit Verbrechern und so weiter“. Diese Beobachtungen fasst sie schließlich derart zusammen: „Es wird immer darauf Wert gelegt: Wir sind unsicher, wir

Für den französischen Philosophen Alain Finkielkraut handelt es sich bei der Corona-Krise um ein unvorhersehbares Ereignis. Zudem sieht er voreilige Schlussfolgerungen kritisch und lobt Staatschefs, welche dem „Primat der Politik“ folgen. Vor allem hat Alain Finkielkraut, seines Zeichens Starphilosoph aus Frankreich, keinerlei Verständnis für die hasserfüllte Kritik der Intellektuellen an den Regierungen. Dies erläutert er alles ausführlich, da der französische Philosoph Robert-Walter Redeker den französischen Staatspräsidenten für jene Tote verantwortlich gemacht hatte, die sich am 15. März 2020 in den Wahllokalen mit Corona angesteckt hätten. Darüber hinaus hatten bereits Giorgio Agamben und Peter Sloterdijk dem Präsidenten unterstellt, eine banale Grippe zur Epidemie hochgespielt zu haben. Damit, so der Vorwurf, solle die totale Überwachung durch den Staat durchgesetzt werden.   Ich weiß nicht, ob ewige Liebe existiert, aber ich weiß, dass es Wesen gibt, die es unendlich wert sind, geliebt zu werden. “ - Alain Finkielkraut   Finkielkraut kritisiert umfassend In einem Interview Anfang Mai 2020 mit France Inter kritisierte Finkielkraut

Für den Philosophen Markus Gabriel gibt es im Zeitalter von Corona kein Zurück mehr in die sogenannte Normalität von früher. Daneben betont der deutsche Philosoph, dass eben dieses Früher selbstzerstörerisch war. Daher haben die Menschen systematisch an der eigenen Selbstausrottung gearbeitet. Da diese Vergangenheit nun einmal ein Irrtum war, muss man nach vorne denken. Gabriel weist zudem darauf hin, dass der westliche Mensch seit etwa 30 Jahren glaubt, dass ein in Wirklichkeit schlechtes Leben ein gelungenes sei. Insofern ist es nun an der Zeit für die Erkenntnis und Philosophie, dass ein gutes Leben nicht darin besteht, sinnlos Konsumgüter anzuhäufen.   Vom Irrtum zum Potential Zuerst einmal sieht Gabriel gegenwärtig eine große „moralische Errungenschaft" in dem Umstand, dass unsere Gesellschaft bereit war und ist, die Mehrheitsrechte zugunsten einer Minderheit einzuschränken. Allerdings glaubt er, dass das alte Bild von einem egozentrischen Konsumenten falsch war. Genauso falsch wie das neue Bild, nach dem wir ein bloßer Virenträger sind. Ein Ausweg aus

Für den französischen Philosophen Jean-Luc Nancy ist die Corona-Krise eine mögliche Folge unseres kapitalistischen Fortschrittsglaubens.   Allerdings kann dieser Glaube in Zeiten von Corona die Menschheit ins Unglück stürzen. Damit meint Jean-Luc Nancy die Zerstörung der Natur wie auch uns selbst – etwa in unseren unzähligen Kriegen. Der französische Philosoph führt an, dass wir letztlich immer mehr wirklich alles zerstören. Auch können wir nicht mehr unterscheiden, was menschlichen und was natürlichen Ursprungs ist.   Ein gescheiterter Versuch Nach Jean-Luc Nancy ist es seit der Renaissance das eigentliche Ziel der westlichen Welt, eine bessere Menschheit herzustellen. Dieser Vorgang kommt mit dem Aufkommen der Coronakrise zu seinem Ende. Denn die Unterteilung in böse und gut ist unmöglich geworden. Zum Beispiel werden Mao, Stalin oder Hitler klassischerweise als böse bezeichnet. Dies aber ist bei heutigen Politikern schwieriger, denn sie alle geben sich als Demokraten, selbst wenn es ihr Regime nicht wirklich ist. „Wir befinden uns inmitten eines Ozeans des Unbewussten. Es gibt enorm

Starke Veränderungen: Darauf setzt die Soziologin und Philosophin Lisa Herzog mit ihrem Manifest. Arbeit – demokratisieren, dekommodifizieren, nachhaltig gestalten. So lautet der Titel des Manifests von Lisa Herzog ganz genau. Es erschien Anfang Mai 2020 auf Zeit Online und wurde von über 3.000 Wissenschaftlern unterzeichnet. Die Soziologin und Philosophin setzt darin darauf, dass die Krise zunimmt und Veränderungen notwendig werden. In diesem Zusammenhang rückt eine neue Arbeitswelt in den Fokus. Diesbezäglich hält Lisa Herzog die Zeit für eine weitreichende Diskussion für mehr als reif. Schließlich wird ihrer Meinung nach durch die Pandemie weltweit die Arbeitslosigkeit explodieren. Es gilt also schon heute die richtigen Weichen zu stellen.   Die Post-Coronazeit positiv gestalten   Im Gegensatz zu Denkern wie Michel Houellebecq oder Slavoj Žižek geht sie von einer  positiven Zukunft aus. So glaubt sie, dass man die Zeit des Umbruchs nutzen sollte, um fundamentale Fragen bezüglich Arbeit, Arbeitswelt und Gemeinschaft zu stellen. Daneben hält sie die Krise von 2008 für eine

Achtsamkeit – klassisch interpretiert   Die Übungen der Achtsamkeit sind praktisch und haben nur ein Ziel: Den Übenden konzentrierter und zufriedener zu machen. Gerade in Zeiten von Corona bietet es sich an, das Thema Achtsamkeit und eine Übung darin sich einmal näher zu betrachten. Die Liste mehr oder weniger populärer „Achtsamkeitsexperten” wächst quasi stündlich. Schon längst haben fernöstliche Weisheiten in unsere Gesellschaft Einzug gefunden – und auch in der Wissenschaft, wie etwa in der Psychologie und Neuroscience, wird die Wirkkraft dieser Meditationstechniken zunehmend anerkennend bemerkt. Jedoch gehen von Matthieu Ricard über Kabat Zinn bis hin zu weniger bekannten traditionellen oder säkularen Lehrern die Traditionen weit auseinander. Andererseits gibt es profunde Grundlagen, die uns helfen, hier die Spreu vom Weizen zu trennen.   Die Basics: Wie bereits in der Einleitung erläutert, versteht man unter Achtsamkeit die grundlegende Fähigkeit der vollkommenen Präsenz oder Geistesgegenwart. Wir machen uns daher bewusst, wo wir sind und was wir tun. Dies geschieht um eben nicht überfordert