Informationen und Impulse für das Corona-Zeitalter
 

Corona — warum bist du hier?

Was ist das Besondere an dieser Lage? Man kann es kaum in Worte fassen, warum Corona eine besondere Chance ist. Daher geschieht dies hier in Form von 1o Thesen.

 

Erst langsam wird das nicht zu Greifende fassbar. Es sind Veränderungen, deren Ausmaß wir nur erahnen können. Zugleich wissen wir vieles bereits oder können es noch lernen. Hierzu eröffnen die folgenden 10 Thesen einen Blick auf die Chancen, Ausblicke und Einsichten.

 

(Bildquelle Adobe Stock)

 

  1. Alles ist nicht neu:

 

Das Schöne an Geschichte ist, dass immer wieder dasselbe passiert, nur eben anders! Die erste These ist also keine im eigentlichen Sinn, sondern ein Revue passieren lassen. Festzustellen oder vielmehr anzuerkennen, dass dies nicht die erste Krise ist und auch nicht die letzte sein wird, mag der erste Schritt sein mit ein wenig Rationalität auf die jetzige Situation zu blicken. Zugegebenermaßen ist die jetzige kritische Situation zwar überdurchschnittlich massive, aber dennoch nicht mehr als eine neue Aufgabe, die es zu überwinden gilt und die sich als solche in unsere Geschichte einreihen wird.

 

 

  1. Mythos Globalität:

 

Sind wir wirklich in der Epoche des Globalismus? Die allermeisten würden dies augenblicklich bejahen. Aber in Zeiten von Corona wird deutlich: es gibt keine „globale“ Lösung. Deutschland kümmert sich um sich selbst, so wie es etwa China mit sich auch macht. Für globale Lösungen braucht es globales Denken und das scheint es im Gesundheitswesen nicht zu geben. Oder anders: Wenn in China ein Sack Reis umfällt, ist es eben doch unser Problem. Wie leben in einer globalen Realität, es wird Zeit für globales Denken und globale Lösungen. Es wird Zeit für die Gemeinschaft Mensch.

 

 

  1. Wir sind mehr als Nationen:

 

Wenn der Virus und alles damit Verbundene vorüber ist, werden wir gelernt haben, werden wir einen Sinn dafür entwickelt haben, dass wir mehr sind als nur unser Volk oder unsere Nation. Was wir tun hat tatsächlichen Einfluss auf andere Orte in der Welt, selbst jene die so fern erscheinen. Schon längst sind wir internationale Bürger und tatsächlich Teil der internationalen Bühne mit einer Hauptdarstellerin, die keine Grenzen kennt — Corona.

 

 

  1. Vertrauen lernen:

 

Auf einmal geht, was vorher nicht ging. Scheinbar haben etwa Arbeitgeber nun doch soviel Vertrauen in ihre Angestellten, dass sie diese von Hause arbeiten lassen, sie haben ja nun auch keine Wahl. Das ist neu, obgleich wir die Möglichkeit schon lange hatten. Hätte man ja auch mal fürs Klima machen können, aber dafür war die Angst vor Kontrollverlust wohl zu groß. Jetzt können wir Vertrauen lernen. Der Virus lässt uns somit Möglichkeiten erkunden, die wir schon immer hatten, aber nicht nutzten. Wie werden kooperativ auf neue Weisen, zumindest kann es ein erster großer Schritt sein auf dem Weg dahin.

 

 

  1. Etwas über Angst:

 

Wenn wir in der Sicherheit leben, dass die Welt alles zur Verfügung stellt, was wir zum Leben brauchen, können wir Frieden und Sicherheit selbst in Zeiten größter Unruhe finden. Obgleich die Aufgabe ungeahnt groß ist, so scheinen wir bereit uns dieser anzunehmen, das ist gut, sehr gut. So entwickeln wir uns, zu mehr Liebe und Menschlichkeit, weg vom Egoismus hin zur Empathie. Dies heißt mitnichten Ängste zu verneinen oder jene zu verurteilen die Ängste haben, sondern ist vielmehr der Appell sich diesen zu stellen, anstatt im Schock zu verharren.

 

 

  1. Etwas über Stress lernen:

 

Corona reiht sich in die Reihe der immer größer werdenden Dramen: Klima-Notstand, Migrationskrise, Isis, Ebola, die große Rezession, und vieles mehr. Emotionaler Stress ist vielleicht der schlimmste von allen – und so leben viele stets in „Fight and Flight“. Kommt dann noch biologischer oder chemischer Stress dazu, sind wir kompromittiert, und das sollte uns in Zeiten überlasteter Systeme möglichst nicht passieren. Der Körper hat erstaunliche Kräfte zur Selbstheilung und der Geist die Fähigkeiten diese zu beschwören, beides sollten wir kultivieren.

 

 

  1. Slow Down

 

Entschleunigung, Enthaltsamkeit, ein einfaches Leben, achtsamer Verbrauch von Ressourcen: all dies ist positiv. Die Ressource Zeit tritt in den Vordergrund, als auch der bewusste Umgang mit selbiger. „Weniger ist mehr“ haben wir alle schon tausendmal gehört, und vielleicht nonchalant vor uns hergetragen, als guten Ratschlag oder moralisches Wappen; nun aber ist alles weniger und es liegt an uns dies als Möglichkeit zu begreifen und besagtem Sprichwort eine Chance zu geben. Oder nicht.

 

 

  1. Metaphysische Einsichten

 

Vergänglichkeit, obgleich omnipräsent in nahezu jedwedem Moment, erscheint sie doch — in der Realität unseres Erlebens — wie ein aus dem Hinterhalt verübtes Attentat; niemand sah es kommen und dann ist es plötzlich zu spät. Dies liegt nicht an einer geheimnisvollen Unvorhersehbarkeit von Umständen, sondern vielmehr an unserer Weigerung simple Fakten, die wir nicht wahrhaben wollen, anzuerkennen. Es kann eben nicht wahr sein, was nicht wahr sein soll. Doch —Corona zwingt uns. Nun kann auch die und der letzte die unwiederbringlichen Veränderungen, die anstehen, nicht mehr leugnen. Ist dies gut oder schlecht? Weder noch, es ist, was es ist, aber mit mehr Realitätssinn und weniger Wunschdenken, muss Veränderung nicht wie ein Sprung ins kalte Wasser sein.

 

 

  1. Zusammenrücken

 

Ist es nicht sehr romantisch, wie sich verliebte Menschen in Zeiten der Trennung in alten Zeiten Liebesbriefe schrieben? Zeit zusammen ist wohl eines der kostbarsten Güter. Viele Krisen haben uns gezeigt, was mit ein wenig Mitgefühl bewegt werden kann: Einsatz von Menschen mit und füreinander, egal ob nah, ob fern, egal ob allein oder zu zweit. Dies mag leicht daher geschrieben sein, doch ist es nicht. Getrennt sein ist nicht einfach – und auch die Courage dies zu ertragen, ist dies eben nicht. Wenn wir uns aber der Mittel bedienen, die wir haben, und derer sind es viele, können wir sicher unseren Beitrag leisten und vergessen vielleicht sogar, das eine oder andere Mal das wir gerade „isoliert” sind.

 

 

  1. Last but not least

 

Was in dieser Liste nicht fehlen darf: die Umwelt. Die Implikationen von weniger Verkehr etc. sind klar und deutlich, und bedürfen keiner Erklärung. Lieber möchte ich erwähnen und zugleich unterstellen, dass und obgleich der „Umwelteffekt” des Virus sicher mehr als einmal hervorgehoben wurde, dieser Side-effect sicher selbst jenen, die sehr klimaenergisch, um das Wort der Hysterie zu vermeiden, vorgegangen sind, nicht als maßvolle Rache der Natur erscheint. Religiös-ideologische Auswüchse dergleichen wären Wahn. Wir erleben keine Apokalypse, sondern einen Virus und seine Auswirkungen.

 

 

Neue Blickwinkel öffnen Türen für neue Gedanken. Es wird die Freude am Leben sein, die einsetzt, nachdem die Schockstarre des Unheils überwunden wurde, welche wir in Erinnerung behalten werden, wenn diese Zeit vorüber ist. Ich persönlich hoffe: mehr Behutsamkeit und Bedacht, mehr Einsicht und Menschlichkeit werden das geistige Erbe von Corona.

 

Sydney, 26.03.2020

 


Autor: Julian A.J. Schott, Dr. — CF Redaktionsleiter „Übersee“ und „Modernes Denken“. Aus Hamburg stammender promovierter Indologe und Buddhismuskundler. Er arbeit u.a. als Wissenschaftler, Autor und Journalist.

 

 

Landschaft in nebliger Stimmung

(Bildquelle Adobe Stock)

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