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Das kann doch weg! Fumio Sasaki und der Minimalismus

Während der Pandemiezeit haben viele erkannt, wie schnell Trends verblassen, während die Stimmen, die uns sagen, immer mehr zu kaufen, nicht mehr wirklich zählen. Vielmehr gilt es jetzt grundlegende Bedürfnisse zu erkennen, sagt Fumio Sasaki. Der bekannte Autor aus Japan propagiert auf sympathische Art in seinem Buch „Das kann doch weg“ einen modernen Minimalismus.

Zurück zur Pandemiezeit, erst haben wir es nicht gemerkt, aber jetzt spüren es alle: Es hat sich ein erweitertes Bewusstsein zu unserer Umwelt eingestellt und dies betrifft auch das Establishment.

Nicht nur Europa, sondern auch China und die USA stellen sich dem Problem der Erderwärmung, welche durch bisherige Ignoranz ungehemmten Materialismus und Konsum weiter unterhalten wurde. Themen wie Achtsamkeit und Rückbesinnung sind im Trend.  Somit fügt sich bereits in 2015 in Japan erstmals aufgelegt Buch von Fumio Sasaki mit seiner in 2021 ersten deutschen Taschenbuchausgabe preislich minimalistische in diesen Trend.

 

Nach Fumio Sasaki tun wir nur so, als wären wir glücklich

Bereits das erste Zitat in Sasakis Buch zeigt das Dilemma der kapitalistischen Weltansicht, es stammt von Francois de la Rochefoucauld: „Wir streben lieber danach, andere glauben zu machen, wir wären glücklich, anstatt zu versuchen, tatsächlich glücklich zu sein“. Der Autor, ein ehemaliger Lektor, beschreibt sich selbst als bisher normalen jungen Menschen der oft gestresst war und versuchte seinen Wohlstand zu mehren. Bei der  Abkehr davon minimiert er seinen Besitz und trennt sich von allem Überflüssigen, seine Zufriedenheit konnte er dadurch steigern. Für die wenigen Dinge die er dann noch besitzt hat er Dankbarkeit und empfindet täglich Freude daran, schreibt er.                  Überraschend stellt Sasaki eine Verbindung zwischen dem Apple-Konzern und dem Minimalismus her. Das Smartphone sei Telefon, Fernseher, Musik-Player, Spielkonsole, Kalender, Rechner, Notizblock, Schrittzähler und Karte in einem Gerät.

Ein anderer Autor, Stefan Klein, sieht in seinem Buch „Wie wir die Welt verändern“ Steve Jobs nicht als alleinigen genialen Erfinder des iPhones. Stattdessen ordnet er ihn in die Menge von jenen ein, die Einfälle haben, um bereits bekannte Dinge zusammenzufügen. Seines Erachtens ist das eine besondere Fähigkeit unseres Gehirns und wir Menschen können solche komplexen Denkleistungen bereits seit Zehntausenden von Jahren durchführen.

 

Berg in Japan


Steve Jobs? Ein Vorbild in Sachen Minimalismus

Bei Sasaki zählt der 2011 verstorbene Steve Jobs zu den Minimalisten, auch er versuchte alles Unnötige wegzulassen. Der Leser erfährt zudem über Jobs Anhängerschaft zum Zen-Buddhismus und dass Jobs vor seiner Erfindung ernsthaft einen Rückzug in ein abgelegenes japanisches Kloster erwogen habe.

Fumio Sasaki beschreibt unsere westliche Welt als übersättigt mit Dingen und Daten. Ein endloser Strom von ständig abrufbaren Inhalten in den sozialen Medien wird beschrieben, wiederum nicht ohne Zutun der Smartphones. Ein Japaner erhält heute täglich die Informationsmenge die sich im Mittelalter in einem ganzen Leben präsentierte. Er plädiert dafür, dass unser 50.000 Jahre altes Gehirn, unsere Hardware, nicht mit Informationen überlastet wird, zumal 80 Prozent der menschlichen Gedanken negativ sein.

Man gewöhnt sich eigentlich an alles, worin sich kein anhaltendes Glück finden lässt

Eindrucksvoll schildert der Autor, wie erpicht die Menschen zunächst darauf sind, einen neuen Job oder die schicke neue Wohnung zu bekommen. Später aber folgt dann Gewöhnung oder darauf sogar Kritik und Überdruss am einstmals so sehr begehrten.

Zum Beispiel hält die Freude über einen Sieg im Fußball gerade einmal drei Stunden vor. Ein 500 Euro-Ring am Finger macht nicht fünfmal glücklicher als ein 100 Euro-Ring. Daneben kann Bill Gates auch nicht sechsmal am Tag schlemmen, zumal sein Tag auch nur 24 Stunden hat. Der Autor beruhigt in diesem Zusammenhang die Kleinverdiener mit Aussagen wie: „Selbst, wenn Sie emsig shoppen, um sich beständig neue Reize zu verschaffen – glücklich macht Sie das nicht.“

Bei den vielen Gegenständen und Kleidungsstücken, die viele von uns besitzen, spielt der praktische Nutzen keine Rolle mehr. Man will damit nur seine Umgebung beeindrucken, um für andere Leute mehr zu zählen. Wir fangen an zu glauben, dass wir sind, was wir haben.

 

Zeit und Energie – sind eigentlich für Fumio Sasaki die wertvollen Güter

Auf der anderen Seite sind viel Zeit und Energie bei dieser Gier nach Besitz notwendig. Letztlich werden wir sogar Sklaven unseres Besitzes, obwohl die Dinge an sich ja gar keine Macht haben – sie sind halt tot. Also stellt die Trennung von allem, was wir nicht brauchen, Sasakis Aufforderung dar.                                                                                                                                     Was aber eigentlich zählt, das ist die Gemeinschaft. Da die Menschen allein kein Mammut erlegen können, haben wir eine App, die uns ermahnt, sich der Herde anzuschließen.

Sasaki beschreibt das Trennen von überflüssigen Gegenständen als einfachen Vorgang: „Am ersten Tag wirft man Müll weg, am zweiten verkauft oder spendet man seine Bücher, am dritten die Elektrogeräte, am vierten die überflüssigen Möbel.“

Die meisten Dinge sind viel weniger Wert, als sie ehemals gekostet haben. Ein Erinnerungsfoto ist erlaubt. Die so entstandenen freien Plätze können frei bleiben, der Wohnraum sogar verkleinert werden. Mieten Sie, was sich anmieten lässt, also Autos, Kleidung, Freizeitgeräte. Überflüssige Bankkonten und unnütze Karten sind zu löschen – wie eigentlich alles, was ein Jahr nicht mehr genutzt wurde.

Nach getaner Arbeit gilt für den Autor die goldene Regel: Vor dem Kauf von etwas Neuem, etwas gleiches Altes wegwerfen: Zum Beispiel eine Jacke gegen eine Jacke. Als befreiend wird auch beschrieben, Dinge für unterschiedliche Aufgaben zu nutzen wie etwa Flüssigseife zum Waschen. Übrigens ist das Putzen bei wenig Besitz viel einfacher, während sogar die eigene Trägheit durch regelmäßiges Sauberhalten überwunden wird.

Nun, wir müssen für weniger Dinge weniger arbeiten, das Glück am Tropenstrand können wir sogar im Park um die Ecke erleben. Billigeres Leben führt zu mehr Freiheit. Auf sein iPhone möchte der Sasaki aber noch nicht verzichten. Er betont, dass er sich darauf konzentriert, er selbst zu sein, seinen Glückszustand findet er im Flow. Gemeint ist das Versinken in Musik oder Lösen kniffliger Aufgaben, wenn alle Ablenkungen beseitigt sind, aber auch die Konzentration nach Innen z.B. durch Meditation. Im Kapitel „Die Antenne einfahren“ empfiehlt der Autor die Einschränkung der Datenaufnahme. Besonders berufliche Emails sollten auf bestimmte Empfangszeiten beschränkt werden.

Sasaki fühlt sich als Minimalist glücklicher, gesünder, sicherer und zufriedener als früher. Seine Beziehungen erlebt er intensiver, er hat mehr Zeit für Gespräche, seine oberflächlichen Beziehungen hat er beendet, mit den verbliebenen Freunden teilt er gerne sein Glück. Weniger Eigentum bedeutet für ihn weniger Streit. So zitiert er Mahatma Ghandi: „Ein freudloser verrichteter Dienst hilft weder dem Diener noch dem Bedienten. Alle Freuden und Besitztümer verblassen im Vergleich zu einem freudig verrichten Dienst“.

 

Zweige eines Baums, Hintergrund dunkel, Minimalismus

 

Schönheit kommen von innen. Und wir zum Schluss

Schöner als Menschen, die ständig seufzen, sind die anderen. Der Autor zeigt dem geneigten Leser authentisch den Weg dahin und er nennt Gründe für eine minimalistische Lebensweise. Und noch etwas: Einige Aspekte haben wir durch die Beschränkungen der Pandemiezeit vermittelt bekommen: Die Konzentration auf das Wenige – und dies so lange bis wir darin „das Viel“ erkannten.

 

Rezension von Dieter Mainka


Das kann doch weg

Autor. Fumio Sasaki

Erstausgabe 2015 Japan

Heyne, 255 Seiten


Meet The Most Famous Minimalist …

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Film über die Geschichte von Fumio Sasaki. Welche in einem großen Durcheinander startete und, man kann es sich denken, bei dem heutigen Fumio endet – halt einem berühmten Minimalisten. Aber der Film wird schon auch konkreter, so werden Vorbilder oder Einflussfaktoren von Fumio Sasaki wie Steve Jobs oder Marie Kondo erwähnt. Übrigens besitzt Fumio Sasaki zu Zeit der Filmaufnahmen rund 150 Dinge, so sagt er es zumindest.


Fumio Sasaki

Fumio Sasaki wurd 1979 geboren. Bevor er freier Autor wurde, arbeitete er als Cheflektor des japanischen Verlags Wani Books. Er lebt in einer 20 Quadratmeter großen Wohnung in Tokio, welche äußerst schlicht und funktional ausgestattet ist.

Bücher von Fumio Sasaki

 

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