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Die Reise unserer Gene: von Johannes Krause und Thomas Trappe

Mit „Die Reise unserer Gene“ führen der mit Wissenschaftspreisen ausgezeichnete  Biochemiker Johannes Krause und der Journalist Thomas Trappe den Leser nicht nur in das Fachgebiet Archäogenetik ein, sondern die Autoren wissen durch Fakten, Hinweise und Darlegungen regelrecht zu faszinieren. Übrigens gibt es da auch wissenswerte Hinweise auf die aktuelle Pandemie.

Und darum geht: Aus winzigen Proben von uralten Knochen und Zähnen kann seit kurzem das gesamte Erbgut unserer Vorfahren und damit auch ihre Migrationsmuster, die weltweiten Wanderbewegungen der Menschen in der Vergangenheit, ermittelt werden.

2010 gelang es Johannes Krause und seiner Arbeitsgruppe aus einer Probe von 10 mg Knochenmehl von einem mehr als 70.000 Jahre alten menschlichen Fingerknochen die komplette menschliche DNA zu sequenzieren. Krause beschreibt in seinem Buch die Entwicklung der Entschlüsselung von Erbsubstanzen. Erst seit kurzem sind Wissenschaftler in der Lage, das vollständige menschliche Genom zu analysieren. Man erfährt, dass man für die Entschlüsselung einer menschlichen Erbsubstanz mit etwa 3,3 Milliarden Basenpaaren bis 2003 noch etwa 10 Jahre benötigte. Seit 2010 gelingt dies aufgrund der wachsenden Rechnerkapazitäten innerhalb von Tagen nahezu routinemäßig.

2020 wurde Krause zum Leiter der Abteilung Archäogenetik am Max-Planck-Institut für Evolutionäre Anthropologie berufen. Diese noch junge Wissenschaft kann uns neue Antworten auf ureigene menschliche Fragen geben, die der Autor wie folgt benennt: „Was macht uns zum Menschen? Woher kommen wir? Und wie wurden wir zu denen, die wir heute sind?“

In der Archäogenetik werden Zusammenhänge vom modernen Menschen, Neandertalern und Denisova-Menschen nähergebracht, die sich aus genetischen Analysen an z.B. 600.000 Jahre alten Knochenfunden ergeben.

In dem teilweise bebildertem Buch zeigt Krause, wie ein alter Knochenfund mit speziellem Werkzeug angebohrt wird. Der Leser kann sich in mehrere je zweiseitige Karten vertiefen, welche die Ausbreitung des modernen Menschen von Afrika nach Europa zeigen, oder auch wohin die frühen Ackerbauern aus Anatolien in den Zeiten vor 9.000 bis 6.000 v.Chr. auswanderten. Sie besiedelten ganz Europa und Teile Asiens und brachten damit Techniken des Ackerbaus in diese Gebiete, die zuvor nur von Jägern und Sammlern besiedelt waren.

 

Die Reise unserer Gene oder:
von Neandertalern, Menschen und Temperaturstürzen

Die Texte lassen die historische Entwicklung vor den Augen der Leser in geradezu plastischen Bilder vorbeiziehen: von Neandertalern in verschiedenen klimatischen Situationen, mit Packeis vor den Küsten der iberischen Halbinseln über zwischenzeitlichen Wärmeperioden mit höheren Temperaturen als heute. Trotz widriger Umstände mit Permafrostböden im zentralen Europa schafften es der moderne Mensch zu überleben. Dazu war der Zusammenhalt untereinander, die schützenden Zufluchtsorte in Höhlen, die Fellkleidung, welche mit Nadeln und Fäden aus Sehnen genäht waren, und eine strukturierte und intelligente Organisationsform zum Überleben notwendig.

 

Wald mit Steinen aus der Steinzeit

 

Beim letzten Kälteeinbruch vor 24.000 Jahren lebten in Europa wohl maximal 100.000 Menschen gleichzeitig. Genügend Platz zum Jagen und Sammeln für jeden. Mit dem Beginn einer neuen Warmzeit wurde Mitteleuropa dann vor etwa 16.000 Jahren für diese ursprünglich aus Afrika eingewanderten Menschen wieder besser bewohnbar. Nahezu gruselig wird es für die Leser, wenn er von einem geschichtlich kurzfristigen Wetterphänomen in Europa mit einer kurzen Eiszeit vor 12.900 Jahren erfährt. So gab es innerhalb von 50 Jahren einen Temperatursturz um durchschnittlich 12 Grad. Als Ursache für das damalige Wetterphänomen präsentiert Krause nachfolgende These: „Durch eine vorrangegangene längere Erderwärmung hatten sich Eisbarrieren im Nordatlantik gelöst, worauf sich ein riesiger Eissee aus Nordamerika in den Ozean ergoss und damit den Golfstrom zum Erliegen brachte“.

Auch wird der Leser in diesem Buch immer wieder daran erinnert, dass eigentlich das Klima prägend für die Einwanderungsgeschichten unserer Vorfahren über die vielen Jahrtausende war, und auch bleiben wird. Krause geht von einem Migrationsdruck durch den jetzigen Klimawandel von Süden nach Norden aus, weist aber auch auf die freiwerdenden Landmassen durch aufgetaute Permafrostböden in Nordeurasien als neue Zufluchtsorte und landwirtschaftliche Nutzungsflächen hin.

Die Autoren schlussfolgern aus den klimatischen wiederholten Ereignissen, dass in einigen 1.000 Jahren eine erneute Eiszeit zu erwarten ist. Die Migration des modernen Menschen vor etwa 45.000 Jahren aus Afrika nach Europa könnte dann vielleicht in wieder umgekehrte Richtung erfolgen.

Es wird eine tägliche Arbeitszeit der einzelnen Jäger und Sammler von drei bis vier  Stunden vermutet …

Im Laufe des Buches versteht der Leser, dass das Sammeln und Jagen bis vor etwa 11.000 Jahren die Lebensform aller modernen Menschen über viele Hunderttausende von Jahren darstellte. Da die Entwicklung der Sammler und Jäger zum modernen Menschen sogar mehrere Millionen Jahre benötigte, seien wir alle auch zu dieser Lebensform fähig. So wird den heutigen Anglern, Jägern und den Sammlern von Beeren und Pilzen, aber auch mit den Händen erntenden Menschen ihr beglückendes Gefühl bei diesen Tätigkeiten verständlich. Mann und Frau praktizieren da sehr bekannte und eingeübte Tätigkeiten.

Krause und Trappe gehen von genügend Nahrung für alle im wärmer werdenden Europa in der Mittesteinzeit vor ca. 11.000 Jahren aus. Es wird eine tägliche Arbeitszeit der einzelnen Jäger und Sammler von drei bis vier  Stunden vermutet, welche dann reichte, um das damalige Überleben zu sichern. Der Besitz der Menschen war auf das, was sie am Leib trugen, beschränkt. Da Frauen ihre Kinder wohl bis zum 6. Lebensjahr stillten war eine natürliche Geburtenregelung gegeben. So blieb es zunächst bei einer langsam voranschreitenden Vermehrung der Menschheit. Es war genügend Platz und genug Nahrung für alle vorhanden.

 

Ackerbauern

Die späteren Ackerbauern konnten hingegen mehr Nahrung produzieren und damit mehr Kinder ernähren.  Milchbauern konnten bereits frühzeitig ihre Kinder von der Muttermilch unabhängig machen. Die Anzahl der auf der Welt lebenden Menschen nahm in Folge rascher zu.

Für die meisten Leser werden die Informationen über die Sesshaftwerdung der Menschen vermutlich eher neu sein. Beschrieben werden ideale Klimaverhältnisse nach dem Ende der letzten Eiszeit vor ca. 15.000 Jahren mit dem Erblühen von zuvor kargen Steppen. So ließ es sich bei gemäßigtem Klima in den fruchtbaren Gebieten im Jordantal, in Anatolien und östlich des Bosporus gut leben. Jäger und Sammler mussten aufgrund der üppigen Vegetation mit genügend Nahrungsmittel in der näheren Umgebung nicht mehr umherziehen und wurden sesshaft. Die Viehzucht begann dort vor etwa 10.000 Jahren.

 

Der Europäer

Wir erfahren, wie umfassende Genomanalysen von verschiedenen Europäern aus den letzten 8.000 Jahren belegen, dass Ackerbauern aus Anatolien ganz Europa besiedelten und sich die Gene der dort zuvor lebenden Jäger und Sammler so in der Gesamtpopulation reduzierten. In dieser Zeit veränderte sich auch die Hautfarbe der Europäer von dunkel nach Hell, eine Anpassung an die geringere Sonneneinstrahlung vor Ort. Die blaue Augenfarbe der dunkelhäutigen Ureinwohner Europas ging einige Zeit später zurück, die hellen Töne der Augenfarben blieben aber erhalten und haben in den letzten Jahrtausenden wieder zugenommen, mit allen ihren Spektren von Grau-blau bis grün. Die vegetarischen Ackerbauern konnten ihren Vitamin D-Bedarf im Norden nur über die hellere Haut ausreichend produzieren. Menschen mit Mutationen zu heller Haut blieben durch den ausbleibenden Fleischkonsum gesünder und konnten sich besser vermehren.

 

 

Jäger und Sammler lebten bis etwa vor 7.500 Jahren zunächst parallel, wie aus Genanalysen zu schließen ist. Es ließ sich kaum noch Jäger-DNA aus dieser Zeit nachweisen. Heute sei diese Population wieder genauso stark vertreten wie die der Ackerbauern. Der Autor belustigt uns geradezu mit manchen Passagen. Den früheren Ackerbauern, welche den ganzen Tag ackern mussten, mangelte es an Knochenmineralisation. „Sie dürften auf die kräftigen Jäger recht kränklich gewirkt haben“. Die Jäger hingegen hatten besonders in Gegenden mit fruchtbaren Böden dann doch schnell gar nicht mehr viel zu vermelden. Die Pionierzeit auf freien Feldern mit besten Böden war bald beendet, die Ansässigen schotteten sich ab. Im Verlauf kamen Befestigungsanlagen dazu, unter anderem, um Jäger und Sammler von der Selbstbedienung auf den angelegten Feldern abzuhalten.

In Skandinavien ist die DNA der Jäger und Sammler auch heute noch so präsent wie die der anatolischen Ackerbauern. Hier konnten sich Jäger und Sammler in den waldreichen Gebieten und den reichlichen Fischgründen besser behaupten. Es existierten, anders als in Südeuropa, noch längere Zeit Parallelgesellschaften von Jägern und Ackerbauern.

 

Das Rad

Bereits vor mehr als 5.000 Jahren soll in Nordeuropa das Rad zum Einsatz gekommen sein. Ochsen zogen Pflüge und Karren, die Kraft der Tiere machte großflächige Rodungen möglich. Die Blätterhöhle in NRW wurde von der Gruppe der Jäger und von den Ackerbauern zur Bestattung ihrer Verstorbenen genutzt. DNA-Analysen lassen auf die völlig unterschiedlichen Ernährungsweisen der Menschen zurückschließen.

Noch heute lassen sich in Afrika in Parallelgesellschaften männliche Bauern gerne mit Sammlerinnen ein, aber nur wenige Bäuerinnen mit Jägern. Die DNA-Analysen aus dem Neolithikum zeigen ebenfalls, dass sich Sammlerinnen mit Ackerbauern einließen, nicht aber Bäuerinnen mit Jägern. Über die Gründe lässt Johannes Krause den Leser rätseln.

Der Autor beschreibt sehr plastisch die Freude fleischseliger Grillabende, analog dazu waren die Bauern beim Zündeln der Grillfeuer durch die Jäger dann vielleicht noch auf ihren Feldern nicht weit entfernt und im Sinne des Wortes am Ackern. Jäger und Sammler hatten vielleicht seit Stunden frei und erzählten von den Erlebnissen des Tages, etwa wie der Hirsch gejagt wurde oder wie man den Fuchs vertrieb.

 

Die Reise unserer Gene:
Von Infektionskrankheiten bis zur aktuellen Pandemiesituation

Hinsichtlich der aktuellen Pandemiesituation sind die folgenden Verweise der Autoren auf die Ackerbauern besonders interessant: „Bakterien und Viren aller Art hatten in den Siedlungen leichtes Spiel, die Übertragungen von Krankheiten von Tier auf den Menschen wurden häufiger. Während Jäger und Sammler ihre Wohnplätze regelmäßig wechselten, lebten die Ackerbauern zwischen Exkrementen von Tier und Mensch. Die Menschen machten sich im Neolithikum Pflanzen und Tiere untertan, schufen sich aber einen neuen Gegner: Die Infektionskrankheiten“.

Im Kapitel „Cowboys und Indianer“ wird dann erklärt, warum die Europäer mit den Ureinwohnern Amerikas näher verwandt sind als mit den Asiaten. Ursächlich sei das 2014 entschlüsselte Genom vom sogenannten Mal´ta-Jungen, der vor 24.000 Jahren in der Baikalregion nördlich der Mongolei lebte. Sein Genom enthielt Gene der Europäer und der Ureinwohner Amerikas und dürfte sich mit den Genen der Ostasiaten vermischt haben, noch ehe die Nachfahren des Jungen über die vor 15.000 Jahren bestehende Landbrücke über Alaska Amerika besiedelten. In den folgenden Jahrtausenden verschwand dieses Genom in Europa.

Hier muss sich der Leser konzentrieren, der mathematisch unbegabte und mit Schnittmengen weniger Vertraute sollte die betreffenden Passagen mehrmals lesen. Wie auch immer: Vor 4.800 Jahren taucht das verschwundene Genom, also die DNA-Zusammensetzung in den Knochen der Europäer wieder auf. Zuvor hat es zwischen 5.000 und 5.500 in Zentraleuropa eine Entvölkerung gegeben, deren Ursache der Autor in einer riesigen Epidemie vermutet.

Es müssen nach dieser Zeit sehr viele Nordeurasier- nach genetischen Analysen übrigens überwiegend Männer- mit ihren bereits domestizierten Pferden aus der kasachischen Steppe aus dem Osten nach Zentraleuropa gekommen sein. Sie hatten zuvor bereits mit Bronze gearbeitet. In Europa stießen sie auf Menschen, die noch in der Steinzeit lebten. Sie müssen nach ihrer Migration in unsere Regionen gut zurechtgekommen sein, jedenfalls haben sie mit den ortsansässigen Frauen in Zentraleuropa sehr viele Kinder gezeugt. Bei der Entdeckung Amerikas vor rund 500 Jahren schließt sich der Kreis: die Bestandteile der menschlichen DNA mischten sich wieder.



Johannes Krause und Thomas Trappe:
Die beiden Autoren stellen sich vor

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Nun ja, ist eher ein charmanter Werbefilm. Aber auf diese Art lernt man einmal die Köpfe hinter den Buchstaben kennen.



Die Milch

Das Kapitel „Die Milch macht´s“ führt Lactoseintolerante an Ihre Vorgeschichte heran. Nomaden aus dem Osten besaßen Rinderherden, durch die guten Böden in Zentraleuropa mussten sie nicht mehr ständig weiterziehen. Die saftigen Weiden ließen sie sesshaft werden. Eigentlich können nur Babys Milch mit Hilfe des Enzyms Laktase aufspalten. Vielleicht, so der Autor, damit ältere Familienmitglieder den Kindern nicht die Muttermilch entziehen. In Nord-und Mitteleuropa kam es dann zu einer Mutation in dem für die Laktasebildung verantwortlichen Gen.

Somit bilden auch ältere Menschen weiter Laktase, aber mit dem Alter in meist etwas nachlassender Menge. Die Laktosetoleranz mit der Fähigkeit, auch von Erwachsenen Laktase bilden zu können, wurde zu einem Überlebensvorteil. Diese Menschen konnten Milch besser verdauen und damit Milchzucker verwerten. Sie waren somit überlebensfähiger und kinderreicher. Der Leser erfährt, dass in Nordeuropa heutzutage etwa 20 Prozent der Einwohner laktoseintolerant sind, in Südeuropa und auf der iberischen Halbinsel sind es noch wesentlich mehr.

 

DNA im Zeitstrahl & Sprachen

Mehrere Kapitel im mittleren Teil des Buches beschäftigen sich mit der Herkunft unserer Sprachen. Wie sich die DNA im Zeitstrahl verändert, passiert dies auch mit Sprachen. Erst mit der Einführung der Schrift und dann noch mehr mit der weiteren Verbreitung des Geschriebenen durch die Buchkunst haben sich Sprachen gefestigt. Standards für eine Hochsprache sind durch das Schrifttum gesetzt. Krause erklärt uns das Vorgehen der Linguistik am deutschen Wort „Leiter“ und dem englischen „ladder“. Er spekuliert, wie viele Veränderungen nötig waren, um von einem gemeinsamen Wortursprung zu den beiden Varianten der indoeuropäischen Sprachenfamilie zu kommen. Unsere Sprachenfamilie habe im nördlichen Iran ihren Ursprung. Von da aus verteilt sich der Stammbaum durch die Migration der Einwohner in andere Regionen der Welt. Verschiedene Wanderungen und gegenseitige Beeinflussungen machen die indoeuropäischen Sprachen mit etwa 3 Milliarden Sprechern heutzutage zur bedeutendsten Sprachenfamilie der Welt. Zu den Verbreitungsgebieten gehören auch Nordindien und Afghanistan.

Der Stammbaum, welcher anhand von genetischen Daten und der Sprachvergangenheitsforschung einer Jenaer Arbeitsgruppe von Johannes Kraus dargestellt wird, zeigt die Entwicklung über Anatolisch, Tocharisch, Armenisch, Griechisch zu dann Indoiranisch, Baltoslawisch, Germanisch, Italienisch und Keltisch. Vermutet wird der zeitliche Ursprung dieser Sprachfamilie vor etwa 8.000 Jahren in Anatolien. Vor ca. 5.000 Jahren hat sich die Sprachlandschaft in Europa noch einmal durch die Einwanderungswelle aus der östlichen Steppe geändert. Überall dort, wo indoeuropäisch gesprochen wird, findet sich in der Bevölkerung ein bedeutender Anteil der „Steppen-DNA”.

Die heutigen Hochsprachen in Europa haben sich selbst nach dem enormen Einfluss der Römer immer weiter verändert, mit Latein kommt man selbst in den Gebieten in Südeuropa heute nicht weit. Spanisch dagegen ist bereits durch schriftliche Fixierungen seit 500 Jahren sehr stabil, das Deutsche seit der Bibelübersetzung durch Luther und den Buchdruck. Der Duden hat dann erst im 19. Jahrhundert die Sprachregulation weiter fixiert. Zu diesen Informationen findet der Leser eine Europakarte mit einer durch Pfeile aufgezeichneten Wanderung der Sprachen. Sie ist mit Jahreszahlen versehen. Die eigene Phantasie wird angeregt, ein anders Bewusstsein zur eigenen Abstammung kann entstehen.



 

Über die Reise unserer Gene

 

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Prof. Dr. Johannes Krause? Das ist ein renommierter Experte für die Entschlüsselung der DNA und zugleich der Direktor Max-Planck-Instituts für Menschheitsgeschichte in Jena. In diesem Feature breitet er einen weiten Bogen aus und erläutert unter anderem wie einwandernde Menschen nach Europa schließlich zu Europäern wurden. Übrigens bezeichnete das Wissenschaftsjournal „Nature” Krause als den „rising star in ancient-DNA research”.



Das Ende der Steinzeit

Krause führt uns dann auch anhand der Metallkunde durch die Jahrtausende. In Mitteleuropa begann vor 4.200 Jahren der Übergang aus der Steinzeit über die Kupferzeit in die Bronzezeit. Nach dem Abbau im Bergbau wurden aus Kupfer bei hoher Hitze in Öfen Schmuck, Geräte und Waffen geschmiedet.

Vor 5.000 Jahren wurde im Nahen Osten die Legierung erfunden. Durch Hinzunahme von Zinn zu Kupfer wurde das härtere Bronze geschaffen. Zur Rohstoffbeschaffung entstanden völlig neue Routen. In den Gebieten der damaligen Hochkulturen im Nahen Osten mangelte es an Zinnvorkommen. Vor 3.000 Jahren wurde Zinn von der iberischen Halbinsel, aus der Bretagne, aus England und aus dem Erzgebirge importiert.

Die Kenntnisse der Bronzeverarbeitung gelangten somit auch nach Nordeuropa, und damit auch in eine Welt des Eigentums und der Hierarchien. Durch Bronze konnten sich Menschen aufrüsten, stabile Helme, Körperpanzer und Speere wurden hergestellt. Überraschenderweise fehlen in vielen Siedlungen der Bronzezeit dörfliche Schutzvorrichtungen und Befestigungsanlagen. Die Menschen wurden regional durch die Installation militärischer Strukturen an regionalen Grenzen geschützt und müssen sich ziemlich sicher gefühlt haben. Territorialherrscher wie etwa Fürsten konzentrierten die Macht. Teilweise müssen sie als gottgleiche Wesen angesehen worden sein. Dies lassen reichliche Grabbeigaben wie Gold und Waffen vermuten.

 

 

Krause berichtet auch über Klimaflüchtlinge durch einen Klimaschnitt vor rund 4.200 Jahren. Im Nahen Osten mussten nach archäologischen Schätzungen etwa 300.000 Menschen ihre Siedlungen bei anhaltender Dürre verlassen. Das in der Region befindliche Reich Akkad versank so binnen Jahrzehnten in Staub. Wie auch heute gab es vor Tausenden Jahren eine Entwicklung zu immer tödlicheren Waffensysteme. Auch Verschleppungen, Vergewaltigungen und Völkermorde sind dokumentiert. So berichtet Krause über archäologische Funde, die Schlachten in Mitteleuropa: Im Tollensetal in Mecklenburg-Vorpommern fand man etwa 3.300 Jahre alte Leichen von Kämpfern. Hier müssen bis zu 6.000 Männer aufeinander losgegangen sein.

Krause geht davon aus, dass neue archäogenetische Studien auch die jüngere Geschichtsschreibung prägen werden. So konnten sie kürzlich die Völkerwanderung der Angeln und Sachsen in das heutige England belegen.

 

Historische Infektionskrankheiten und das Pantegon


Johannes Kraus hat neben der Archäogenetik noch einen weiteren Forschungsschwerpunkt, nämlich historische Infektionskrankheiten. Bereits 2013 veröffentlichte er zusammen mit Forschern der Hochschule Lausanne Ergebnisse, wonach sich das Lepra-Bakterium seit dem Mittelalter genetisch kaum verändert hat.

Über die Verbreitung der Pest hat Krause ebenfalls Neuigkeiten zu bieten: Die justianische Pest im 6. Jahrhundert n.Chr. könnte seiner Meinung nach sogar für den Untergang des Weströmischen Reiches ursächlich gewesen sein. Anders als zuvor überliefert konnte Krauses Team den Erreger der Beulenpest auch in der Region nördlich der Alpen nachweisen.

Warum wir solche Erkenntnisse gerade dem Pentagon verdanken, wird dann auch offenbart. 2021 lobte das amerikanische Verteidigungsministerium einen Preis für ein Computerprogramm zur schnellen Entdeckung und Zuordnung von Viren und Bakterienerbgut aus. Einer der Gewinner war der Tübinger Bioinformatiker Prof. Dr. Daniel Huson. Er entwickelte sein Programm für die Archäogenetik weiter. Wofür man früher ein ganzes Jahr brauchte, erfolgt heute an einem Tag. Das Programm identifiziert Krankheitserreger aus Skelettmaterial. Dieses muss aber zuvor mit ihrer DNA im Programm hinterlegt sein, nur so kann der Computer, der nur findet, was er suchen soll, sie auch identifizieren. Ein abgeschwächter Pesterreger lässt sich bereits am Ende der Steinzeit vor 5.000 Jahren nachweisen. Er folgt den Migrationsströmen aus der aus der pontischen Steppe nach Zentraleuropa.

Unheimlich erscheinen die folgenden Theorien über die deutliche Reduzierung der Skelettfunde aus der Zeit vor 5.500 bis 4.800 Jahren v.Chr. in Europa. Wütete die Pest oder eine andere Krankheit und hatte dies die Bewohner dezimiert oder verbrannten die Menschen ihre Toten – oder ließen sie unbestattet verwesen? Der Autor diskutiert verschiedene Zusammenhänge mit der großen Migration aus der Steppe nach Europa und der Pest. Das asiatische Pferd war damals nicht gegen die Pest resistent, der Pesterreger konnte vom Tier auf den Menschen übertragen werden. In diesem langen Kapitel erfährt der Leser viel Neues über die schwarze Pest in Europa. Zeichnungen aus dieser Zeit flankieren das dunkle Bild dieser Infektionskrankheit. Die Beulenpest bedeute für jeden zweiten Infizierten im Mittelalter den Tod. Nicht Afrika oder Asien war der Hotspot, sondern aus Europa breitet sich immer wieder der gleiche Stamm des Pesterregers mit der gleichen DNA aus und traf dann immer wieder auf Menschen, welche noch nicht immun waren. Der Autor fügt dann noch einen Exkurs über das menschliche Immunsystem an. Er verrät dem Leser aber erst am Ende des Kapitels, dass Mediziner die Pest und Lepra heutzutage mit Antibiotika sehr erfolgreich behandeln.

Im Anschluss folgt das Kapitel, „Neue Welt, neue Seuchen“. Auf einer bisher vielleicht noch nicht existenten Karte werden die Wege der großen menschlichen Seuchen wie TB, Syphilis, Typhus auf einer über die zwei Seiten gezeichneten Weltkarte dargestellt. Das einzige mit dem Millionen Jahre alte Erreger der Lepra infizierte Tier war bisher das amerikanische Gürteltier, infiziert von Einwanderern in Amerika. Noch heute können sich Amerikaner bei Wildunfällen oder in Südamerika beim Grillen mit Lepra vom Gürteltier infizieren. Überraschend wurden 2016 Lepraerreger im Fell von Eichhörnchen nachgewiesen.

Eichhörnchen-Pelze waren im Mittelalter beliebte Kleidungsstücke. So vermeiden Veganer auch diesen Kontakt zu potenziellen Krankheitserregern. Johannes Krause erklärt, wie Menschen mit Mutationen wie der Sichelzellanämie und der Thalassämie mit veränderten Formen und Zusammensetzungen der menschlichen roten Blutkörperchen zwar Nachteile haben, ihre Kinder aber durch den somit erworbenen Schutz gegen Malaria besser überleben.

 

Die Eroberung Amerikas

Faszinierend wirken indigene Piktogramme aus der frühen Kolonialzeit Mexikos, welche sich mit der Cocolitztli-Epidemie Mitte des 16. Jahrhunderts beschäftigen: „Laut Schätzungen starben bis zu 95 Prozent der amerikanischen Ureinwohner in den ersten 100 Jahren der Kolonialisierung durch von den Kolonialherren mitgebrachte Infektionserkrankungen. Viele Siedler berichten von Krankheiten, an denen Bewohner der neuen Welt zugrunde gingen, die ihnen selbst nichts anhaben konnten“. Gemeint ist die amerikanische Kolonisierung durch die Europäer im 16. Jahrhundert.

Im letzten Kapitel gehen die Autoren auf die Vorbehalte gegen Einwanderer ein. Diese Ressentiments gegen Migranten werden seit Ewigkeiten mit Angst vor Gewalt, Krankheiten und Verdrängung der eigen Kultur begründet. Der Autor zieht mit Rückblick auf die achäogenetisch dokumentierten Migrationen in Europa folgendes Fazit: „Tief verwurzelte Europäer gab es nie. […] Ein urzeitliches Europa ohne Migration wäre ein menschenleeres Europa gewesen“. Die heutigen Bewohner verdanken den stein- und bronzezeitlichen Einwanderungen zudem Folgendes: „Das Leben der heutigen Bewohner Europas ist das komfortabelste, das es in der Menschheitsgeschichte jemals gab.“ Krause sieht die Europäer als ein Produkt von Prozessen der Einwanderung, Verdrängung und Kooperation.

Aber auch die Bedrohungen des damaligen Lebens durch Krankheitserreger, Kriege und klimatische Veränderungen, in Urzeiten noch nicht durch menschliche Kräfte ausgelöst, bleiben uns vor Augen und verdeutlichen die menschlichen Probleme, die sich bestens auf die heutige Zeit übertragen lassen.

Er zieht zudem eine eindeutige Linie gegen Abgrenzung von Populationen. Daher: Der Leser versteht jetzt, dass es keine speziellen Gene der Germanen, der Skandinavier oder anderer gibt, sondern, dass niemand Gene in sich trägt, die ihn als reinen Angehörigen einer bestimmten Volksgruppe ausweisen. Die genetischen Linien verschieben sich weltweit in Gradienten, in denen sich die frühen modernen Menschen von der Subsahara aus in die ganze Welt verbreiteten. Und aufgrund der heutigen Mobilität vermischt sich die DNA der Menschen immer weiter. Auch interessant: Der Autor widerlegt Behauptungen, dass sich Juden ein gemeinsames Gen teilen.

 

Und nach der Lektüre von
Die Reise unserer Gene?

Wunderschön schließen die beiden Autoren ihr Werk auf der letzten Seite ab: „Klar scheint, dass ein Dogma der Abschottung in einer Sackgasse enden wird. Solch eine Welt gab es nie. Die Reise der Menschen wird weitergehen. Wir werden an Grenzen stoßen. Und diese Grenzen nicht akzeptieren. Dafür sind wir gemacht.“

Insbesondere dieser letzte Satz vermittelt dem Leser die Ehrfurcht der Autoren vor dem großen Ganzen.

Nach Lektüre dieses wunderbar informativen und zugleich anschaulichen Buches hat der Leser Bilder von umherstreifenden Jägern und auf den Feldern schwitzenden Ackerbauern im nächsten Tal vor Augen. Es scheint fast so, als hätten Erstere mehr Spaß und Spannung in ihrem Leben. Aber auch die Bedrohungen des damaligen Lebens durch Krankheitserreger, Kriege und klimatische Veränderungen, in Urzeiten noch nicht durch menschliche Kräfte ausgelöst, bleiben uns vor Augen und verdeutlichen die menschlichen Probleme, die sich bestens auf die heutige Zeit übertragen lassen. Man versteht, warum uns die Archäogenetik zu einem wesentlich präziseren Bild unserer Vergangenheit verhilft.

Artikel von Dieter Mainka

10.11.21


Die Reise unserer Gene

Johannes Krause mit Thomas Trappe

Ullstein Verlag, 285 Seiten, Euro 11.99


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