Informationen und Impulse für das Corona-Zeitalter
 

Flight Cancelled!

Easy wie immer in Australien. Dachte man: Jetzt erklärt der Premierminister dem Corona-Virus den Krieg.

 

Und wieder einmal wiederholt sich scheinbar die Corona-Geschichte. Werden wir diesmal was lernen? Beobachtungen von der anderen Seite der Welt.

 

Der Australier ist entspannt, vielleicht zu entspannt. Schulen bleiben vorerst offen. Es bahnt sich an, was weltweit in allen Ländern zu beobachten war, in denen das Virus um sich griff. Obgleich erste Fälle bereits ende Januar registriert wurden, dauerte es weitere 1.000 registrierte Infektionen und “regionale Alleingänge“ bis die Regierung am Abend des 22. März die ersten einschneidenden Regulierungsmaßnahmen verhängte, nachdem nur Tage zuvor, am 19. März, die australischen Grenzen geschlossen wurden.

Sydney am Wasser

(Bildquelle Adobe Stock)

War das zu entspannt?

“Mate, first the bush-fires, and now this! They messed it up again, and the worst is our totally incompetent PM, he’s an embarrassment” hört man nun viele die jetzige Lage paraphrasieren. PM, damit ist der Premierminister gemeint. Um zurückzukommen, tatsächlich wäre es ehrlich von sich selbst und seinen Landsleuten Beschämt zu sein, wenn man Sie sich zu hunderten am Bondai Beach, Sydney versammeln sieht, nachdem die Regierung bereits von genau diesen Versammlungen abriet? Man will also Freiheit, aber Verantwortung soll bitte jemand anderes übernehmen; leider komme diese aber immer im Paket.

 

Corona? Es ist die Ruhe vor dem Sturm. Noch einmal so tun als sei alles beim alten, sich noch einmal etwas gönnen, bevor alles geschlossen bleibt, bevor es zu spät ist. Jedoch angesichts der Tatsache, dass in Supermärkten schon seit Tagen das Toilettenpapier aus ist, scheint das Momentum des zu spät schon längst erreicht. Es wird, auch hier zu Lande, also in Australien, von Monaten der Krisenbewältigung gesprochen, während trotzdem alles beim alten bleiben soll. Man fühlt sich getrieben, doch will sich nicht treiben lassen. Vielleicht passt das mit dem Strandbesuch zusammen, der dann nach dem Toilettenpapier-Hamsterkauf stattfindet? Obgleich, dieser Zusammenhang erscheint leider sehr zynisch. Man weiß einfach nicht, wo man steht, spürt aber schon längst, dass alles plötzlich anders ist beziehungsweise wird. Doch man kann es nicht greifen. Es sind fast schon metaphysische Zustände, die sich Worten der Beschreibung entziehen, und alles was bleibt, ist ein Gefühl des Zwischenstandes.

 

Brand Ausstralien Busch

(Bildquelle Adobe Stock)

Dazwischen

Im Zwischenzustand geht es weder um Panik noch Ignoranz, sondern Akzeptanz, die herrschenden Zustände erst einmal anzuerkennen und im nächsten Schritt um den respektvollen und solidarischen Umgang mit unseren Mitmenschen. Respekt vor dieser in vielen Aspekten einmaligen und nie zuvor dagewesenen Lage, die uns alle in Atem hält und vermag uns in Regung oder Ohnmacht zu versetzen, kann — wenn wir uns Mühe geben — Angst und Panik in besonnene Klarheit transformieren. Wir brauchen Perspektive. Fokus auf das Wesentliche, ein Mittelweg zwischen Hysterie und Ignoranz, das ist nicht neues. „Mediocritas in omni re est optima.“ Wohin und wie schnell der Mittelweg uns führt, das haben wir — aller Unsicherheit zum trotz — großen Teils selbst in der Hand. In der Ruhe liegt die Kraft.

 

Veränderung

„Life is changing and is continuing to change“ waren die Worte des PM Scott Morrison in seiner aktuellsten Rede vor dem Parlament am 23en März, in welcher er alle Australier aufgeforderte, den Geist der ‘Anzacs’ (Australian and New Zealand Army Corps) im Kampf gegen die Verbreitung von COVID-19 zu beschwören. Veränderung ist gewichtiges Wort. Die Idee man sei isoliert und müsse die freiheitlichen Rechte der Zivilgesellschaft unter allen, und zwar wirklich allen Umständen schützen, also auch vor besagter Veränderung, ist tief verankert im australischen Denken und deren Selbstverständnis. Daher überrascht es weder, das Maßnahmen die in Europa getroffen wurden, als “drakonisch” bezeichnet wurden, noch das man lange brauchte um schließlich selbst solch Drakonie über das eigene Land zu verhängen.

Flaggenmast Ausstralien

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Fokus

Es geht also darum das rechte Maß, den rechten Weg zu finden, mit Veränderung umzugehen. Man glaubte bisher, man sei isoliert auf einer Insel und war es nicht, man glaubte, man sei freiheitlich selbstbestimmt und unabhängig. Aber auch das war man nicht, auch das ist es nicht. Die wirtschaftlichen Beziehungen zu Asien und im Besonderen zu China sind hier in Australien weitaus größer als in Deutschland. In Zeiten, in denen Börsenkurs und Lieferkette den Dienst aufgrund von Reisebeschränkungen und Grenzschließungen verweigert werden, ist die Isolation plötzlich da, leider nur in einem völlig ungeahnten und — im wahrsten Sinne des Wortes — unglaublichen Ausmaß.

Alles was vor kurzem so wichtig schien, ist jetzt vergessen, verdrängt von einer neuen alles überschattenden Größe — CORONA. Von Global Warming, Free Speech und der politisch Rechten oder Linken spricht schon seit Wochen niemand mehr. Und vielleicht liegt gerade hierin die Perspektive, in einer Form der Rückbesinnung auf Zeiten, in denen wir nicht im Kollektiv von unserer eigenen, also überhöhten Moral davongetragen über Variablen diskutierten, die wir nicht wirklich verstehen. Regionalität statt Globalität. Rationalität statt Abstraktion. Greifbar anstatt weit weg. Zusammen daheim und nicht Draußen allein.

 

Paar Australien

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Ausblick

Perspektive soll weder Schaden noch Leid negieren, oder gar so tun als sei dieser Virus etwas Gutes. Es geht nicht um Moral, den gerechten Zorn oder ein philosophisch besonders geschicktes Argument. Nicht zu verharren, sondern in sich fühlen und fragen, was kann ich tun für mich und andere, ist nicht egozentrisch oder verneinend gegenüber dieser dramatisch anmutenden Lage. Es ist verantwortungsvoller Pragmatismus sich eben nicht davontragen zu lassen von Emotion und Sorge, damit alles noch schlimmer zu machen, als es ohnehin schon ist. Ist nicht am Ende des Tages ein wenig Hoffnung nützlicher als Furcht? Perspektive gibt Anlass zur Hoffnung auch in Momenten in denen alles perspektivlos, hoffnungslos und verwirrend erscheint. Perspektive ist der ruhige Blick nach Innen. Durchatmen.

 

Sydney, 24.03.2020

 


Autor: Julian A.J. Schott, Dr. — CF Redaktionsleiter „Übersee“ und „Modernes Denken“. Aus Hamburg stammender promovierter Indologe und Buddhismuskundler. Er arbeit als Wissenschaftler, Autor und Journalist.

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