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Für Irina Dumitrescu und Caleb Smith ist Corona ein Dämon der Ablenkung

Caleb Smith unterrichtet als Professor „English and American Studies“ an der Yale University. Irina Dumitrescu ist Professorin für mittelalterliche Literatur in Bonn. Letzteres erklärt die Erwähnung von Dämonen in ihrem gemeinsamen Essay „The Demon of Distraction“.

 

Irina Dumitrescu und Caleb Smith schildern Gedankengänge, welche während der ersten Wochen und Monate unter Corona entstanden. Diese sortieren sich hier zu einem Gesamtgefüge, welches die Stimmung jener Zeit einfängt, während zugleich Vergleiche und Begriffe aus dem Frühmittelalter eingefügt werden. Allerdings weist sie in ihrem eigenwillig charmanten Essay erst einmal darauf hin, dass bei ihren eigenen und allerersten Gedanken zur Pandemie, sie Bilder wie aus amerikanischen Kinofilmen vor dem inneren Auge sah: Also Schließung offener Räume, Reiseverbote und militarisierte Grenzkontrollen. Es wurde dann aber doch anders und dieses Andere, bestehend aus ewig erscheinenden Tagen oder dann wieder schnell vorbeihuschenden Zeitabschnitten, das beschreibt sie detailliert. Bereits hier lässt sich sagen, weder die kalifornische Filmindustrie noch mittelalterliche Dämonen lassen grüßen, sondern schlichtweg eine Art Rückbesinnung auf ein Leben in der Provinz. Daneben werden „altmodische Andachtsübungen“ erwähnt, die an die Mönche im Kloster erinnern und welche Trost dank Regelmäßigkeit sowie Ritual bieten.

 

Acedia oder der Dämon des Mittags

Schließlich gehen die Autoren auf einen gewissen Cassian ein. Hierbei handelte es sich um einen Mönch im 5. Jahrhundert, welcher der Welt eine Beschreibung des ägyptischen Klosterlebens hinterließ. Dieser verwendet den damals wohl recht geläufigen Begriff „Acedia“, welcher mit „Faultier“ übersetzt werden kann. Jedoch verstand man damals in den abgeschotteten Klöstern darunter ein umherziehendes, einsames und aufgeregtes Gefühl des Unglücks. All dies konnte zu einer regelrechten Depression führen könnte. Evagrius Pontius, ein Theologe des vierten Jahrhunderts, spricht in diesem Zusammenhang von einem „Mittagsdämon“. Der davon Befallene, „blättert durch die Seiten, sucht neugierig nach dem Ende der Texte, zählt die Blätter und berechnet die Anzahl der Versammlungen.“

 

Mittelalter. Was wir heute davon lernen können

Nach Irina Dumitrescu und Caleb Smith gibt es keinen Grund, warum die Pflege des Selbst in einem isolierten Rückzug enden muss. „Wenn wir mit unseren Händen arbeiten und unseren Geist angesichts einer modernen Inkarnation von Acedia fokussieren“, ja, dann kann es sein, dass man durchaus etwas Tieferes und Verbundeneres als Selbstdisziplin sucht. Und findet. Man entdeckt möglicherweise sich selbst – in sich. Sie betonen, dass wir auch lernen könnten, wie man in einer ganz anderen Zeit zusammenlebt. Darin lernen wir dann, sich um die Lebenden und die Toten zu kümmern.

 

Irina Dumitrescu

Irina Dumitrescu studierte englische und mittelalterliche Literatur an der Universität von Toronto und Yale. Sie wurde 2014 zur Juniorprofessorin für Englisch – Mittelalter an der Universität Bonn ernannt und lehrt heute dort als Professorin. Weitere Informationen finden sich auf ihrer Internetseite https://irinadumitrescu.com/

 

Caleb Smith

Caleb Smith ist Professor für Anglistik und Amerikanistik an der Yale University. Daneben ist er Autor mehrerer Romane und Sachbücher – wie auch Redakteur bei „Los Angeles Review of Books“. Er ist zudem Mitherausgeber von „No Crisis“, hierbei handelt es sich um eine LARB-Sonderserie über den Stand der Kritik im 21. Jahrhundert.

 

 

Link:
https://critinq.wordpress.com/2020/04/22/the-demon-of-distraction/

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