Informationen und Impulse für das Corona-Zeitalter
 

Michael Sandel erkennt in Covid-19 Zeiten eine Rebellion gegen Leistungseliten

Der Philosoph sieht in den aktuellen Protesten gegen die Beschränkungen rund um Covid-19 Zeiten auch eine Rebellion gegen die Leistungseliten und deren Überheblichkeit.

Michael Sandel, Professor an der renommierten Harvard Universität, führt zudem an, dass die Corona- bzw. Covid-19 Pandemie die westlichen Industriegesellschaften noch weiter spalten könnte. So warnt der in Harvard Philosophie lehrende Sandel davor, dass viele Bürger wütend seien, weil sie fühlen, dass die wirtschaftlichen wie auch politischen Eliten in Wirklichkeit auf sie herabschauen. Als einen ersten Lösungsansatz führt er ins Feld, dass wir zunächst eine öffentliche Debatte darüber führen müssen, was eigentlich gesellschaftlicher Erfolg bedeutet und wie er aufgebaut wird. Dabei geht es seiner Meinung nicht nur um wirtschaftliche Ungleichheit und Fragen der Einkommensverteilung, sondern genauso müssen die kulturellen Aspekte der Ungleichheit diskutiert werden.

 

Diskussionsfreude

Im April 2020 stellte Michael Sandel mehrere Fragen und Hypothesen in einer campusweiten Zoom-Veranstaltung mit dem Titel „Harvard Live: Pandemic Ethics“ vor. Die wohl markanteste darunter war jene, die eine sofortige Öffnung der Hochschule vorschlug. Dies aber nur für eine begrenzten Anzahl von Studenten, welche virenfrei getestet und bereit wären, die Tests täglich zu wiederholen.

Ein knappe Mehrheit war wohl für die Öffnung der Hochschule. In der Qualität der Argumente waren aber beide Seiten auf Augenhöhe. Zum Beispiel lautete einer der Einwände wie folgt: Wenn Harvard einer der wenigen Standorte ist, der seine Türen öffnen kann, weil es eine großartige medizinische Fakultät und damit Zugang zu Tests hat, dann wirft dies letztlich ein ungutes Licht auf die gesamte Gesellschaft.

 

Wir sitzen nicht alle in einem Boot
Michael Sandel

 

Korea vorbildlicher als der Westen –
bezüglich Covid-19 Maßnahmen und Umsetzungen

In einem Interview erklärte Sandel die koreanischen Erfolge bei der Eindämmung der Corona Epidemie als ein Resultat des Verhaltens der dortigen Bevölkerung da. Zwar gab es in den westlichen Ländern viele gemeinnützige Aktivitäten, jedoch war dieses nicht so gemeinschaftlich wie in Korea. Konkret führte Sandel Beispiele wie etwa Vermieter auf, welche die Miete senkten oder Kunden, welche Waren und Leistungen im Voraus bezahlten. Daneben sieht er die Veröffentlichung von Bewegungsrouten der Corona-Patienten, wie in Korea geschehen, als hinnehmbar an. Er betont jedoch, dass man nach einer Krise ja die Privatsphäre erneut stärken kann.

 

In Sachen Covid-19: Michael Sandel im Dialog mit Südkorea

Das koreanische Außenministerium (MOFA) veröffentlicht eine Reihe von Online-Interviews mit weltbekannten Intellektuellen zum Thema Corona. In diesem vorliegenden Interview spricht Michael Sandel über die Gemeinschaft und die Zivilgesellschaft in der Zeit nach Corona.

 

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The Tyranny of Merit: What’s Become of the Common Good?

So lautet der Titel von dem neuen Buch von Michael J. Sandel. Der Titel lässt sich mit „Die Tyrannei des Verdienstes: Was ist aus dem Gemeinwohl geworden?“ übersetzen. In dem Buch selbst untersucht Sandel die westliche Welt unter dem Gesichtspunkt Gewinner und Verlierer. Eine seiner Forderungen an die nahe Zukunft ist es dabei, die eigene Einstellungen zu Erfolg und Misserfolg zu überdenken. Er hebt hierbei die Hybris hervor, welche eine Meritokratie unter den Gewinnern erzeugt. Dagegen konstatiert er ein hartes Schicksal jenen, die zurückbleiben. Als Alternative empfiehlt er es, aufmerksamer als bisher darüber nachzudenken, was Glücks in menschlichen Angelegenheiten eigentlich bedeutet. Letztlich fordert er eine neue Ethik und Philosophie der Demut.

 

Die grundsätzlichen Positionen von Michael Sandel
hinsichtlich der Pandemie

In einem Interview mit dem Handelsblatt (Mai 2020) erklärt Sandel, dass man wirtschaftliche Wachstumsraten nicht gegen Menschenleben aufrechnen kann. Diese Wahl würden vielleicht totalitäre Regime treffen, stattdessen sollte es in freiheitlichen Gesellschaften um das Gemeinwohl gehen und damit um eine physische und wirtschaftliche Gesundheit.

Wiederum beantwortet er die Frage, warum wir nicht erfolgreich und solidarisch zugleich sein können mit dem Hinweis, dass zwischen Leistungsgesellschaft und Gemeinsinn ein Spannungsverhältnis existiert. Er verweist darauf, dass die Globalisierung zu enormen wirtschaftlichen Ungleichheiten innerhalb der kapitalistischen Gesellschaften geführt hat. Daneben hat sich zugleich „auch das Verhalten der Gewinner gegenüber den sogenannten Verlierern verändert“.

 

Die Gesellschaft der USA

In einem Interview auf Spiegel online (September 2020) definierte Sandel die Gesellschaft der USA als individualistisch, wodurch es dieser besonders schwer fällt, eine mitmenschliche Solidarität in der anhaltenden Covid-19 Pandemie zu entwickeln. Andererseits berichtet er, wie er seine Studenten fragte, ob diese eine Sperrung der Wirtschaft oder eine Politik der Herdenimmunität wie in Schweden befürworten würde. Zumindest sprach sich ein Großteil gegen letzteres aus. Es sei hierzu angemerkt, dass Sandel sich bei dieser Frage – wie ja auch bei manchen anderen – mit seiner eigenen Meinung zurückhält. Wenn man so will, dann ist er eher der fragende Philosoph, als einer, der Antworten und die Zukunft erklärt.

 

Michael Sandel & das Gute in und an der Covid-19 Pandemie

In einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung (September 2020) erklärt der an der Harvard Uni lehrende Professor, dass der „Glaube an die Märkte tiefer als das geht, was uns Wirtschaftswissenschaftler lehren“. Dies hat sich sogar in den letzten Jahrzehnten nochmals verstärkt. Vor allem ist derart eine Sichtweise entstanden, welche den Wert einer Person aufgrund ihres Wohlstandes, beruflichen Standes und Bildungsabschlusses bemisst. Die Verlierer in diesem Weltbild und damit der aktuellen Globalisierung sind daher nicht nur über ihre stagnierenden Einkünfte wütend, sondern zugleich auch über die eigene Entwürdigung.

Wiederum ist mit dem Tragen von Masken bezüglich Covid-19 ein gegenseitiges Misstrauen in der Bevölkerung entstanden, welches sich zu einem gewichtigen Thema für die Politik entwickelt hat. Michael Sandel empfiehlt, den ökonomischen Gewinnern deren meritokratische Überheblichkeit bewusst zu machen. Tatsächlich werden die Punkte Pandemie und die Überheblichkeit der Gewinner in diesem Interview nicht getrennt betrachtet.

Auf die Frage nach seiner Hoffnung, zeigt sich Sandel durchaus positiv. Seines Erachtens hat die Pandemie das „Bewusstsein dafür geschärft, wie wichtig die sogenannten unverzichtbaren Arbeiter, die Pflegerinnen und Pfleger, Lieferfahrenden, das Verkaufspersonal für die Gesellschaft sind“. Er verweist hierzu auch auf die Black Lives Matter-Bewegung. Auch dank dieser gibt es eine Chance für einen offenen Diskurs über grundsätzliche Fragen der Gerechtigkeit. Sandel sagt es nicht explizit, aber es schwingt zwischen den Sätzen mit: Das Gute am Wandel innerhalb einer globalen Krise ist die Öffnung der Menschen für neue Möglichkeiten – für die Welt, Umwelt und die Stellung der Menschen zueinander.

 


Michael Sandel im schweizer SRF

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Barbara Bleisch diskutiert mit dem Philosophen über die Grenzen und Gerechtigkeit unserer Wirtschaft und Gesellschaft.
Das Interview ist in deutscher Sprache.

 


Michael J. Sandel

Michael J. Sandel (* 5. März 1953 in Minneapolis) ist ein US-amerikanischer Philosoph und lehrt seit 1980 Politische Philosophie an der Harvard University. Größere Bekanntheit erlangte er aufgrund seines Kurses „Justice with Michael Sandel“. Aktuell sind Vorlesungen von ihm auch als sogenannte „Ted Talks“ im Internet abrufbar. 2018 wurde Sandel der Prinzessin-von-Asturien-Preis zugesprochen. Darüber hinaus stellt der sogenannte Republikanismus für Sandel eine wichtige Komponente dar. Denn ohne einen aktiven Bürgersinn wird es seines Erachtens nicht gelingen, ein freies Gemeinwesen zu verwirklichen. In diesem Zusammenhang kritisiert er vor allem eine vorrangig wirtschaftliche Weltsicht, in welcher der Mensch sich als Verbraucher betrachtet, anstatt eines aktiven Teils der Gesellschaft.

Links:

https://www.handelsblatt.com/politik/international/interview-us-politphilosoph-sandel-warnt-wir-sitzen-nicht-alle-in-einem-boot/25842848.html?ticket=ST-1081881-mNK5qWcX9VzfylVU1TXe-ap6

http://german.korea.net/NewsFocus/Society/view?articleId=186235r

 

 

 

 

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