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Virus. Ein Sachbuch vom US-Virologen Nathan Wolfe

Eine Rezension: Das Sachbuch mit dem eingachen Titel „Virus“ von dem äußerst renommierten Virologen Nathan Wolfe erschien bereits 2010. Damit lange vor SARS-CoV-2. Und doch: Die Ursachen und Mechanismen einer Pandemie sind in diesem Buch bestens vorgezeichnet, einschließlich dem Modell für ein Frühwarnsystem vor Epidemien. Eine spannende Buchbesprechung erwartet den Leser!

Der amerikanische Autor dieses Sachbuchs, ein bekannter amerikanischer Biologe und Virologe,  berichtet über Viren aus Laboren – wie auch hautnah von seinen Erfahrungen auf asiatischen Märkten oder im afrikanischen Dschungel. Halt von dort, wo Menschen und Tiere eng zusammenleben und Viren aus der Tierwelt auf den Menschen immer wieder überspringen.

Sein Spitznamen „Indiana Jones der Virologie“ hat der 50-Jährige von seinem kernigen Outfit und seinen Reisen in die entlegenen Regionen der Welt erworben. Dort verbringt er immer wieder längere Zeit um Daten und Erfahrungen über Viren vor Ort zu sammeln. Die meisten seiner Forschungszeiten verbrachte er in afrikanischen Ländern wie Kamerun, wo er Berufsjäger begleitete und das Ausnehmen der Tiere virologisch begleitete. Durch Blutproben von Jägern sowie Menschen, die wilde Tiere schlachten, kategorisiert und kartiert er Viren.

 

Kennen Sie Bioterror?
In seinem Buch geht der Autor auf das vom amerikanischen Verteidigungsministerium geförderte Programm Prophecy vertiefend ein, welches in seiner Endversion die natürliche Evolution eines Virus voraussagen soll.

Nathan Wolfe hat es selbst ins Leben gerufen. Er beschreibt ein Informationssystem unter Kliniken in Kamerun, welches über Mobiltelefone rasch und effizient an zentrale Stellen, Fälle von bestimmten Infektionskrankheiten meldet, sowie Daten über die Orte der Behandlung.

Nahezu beängstigend sind seine Berichte über die Möglichkeiten des Mobilfunks verbunden mit künstlicher Intelligenz. Durch Auswertung  von Gesprächsinhalten kann ein solches System nicht nur Daten zum Ausmaß eines Erdbebens sammeln, sondern auch den Beginn einer epidemischen Virusausbreitung.

Dabei wird dem Leser einiges an Risiken durch Viren vor Augen geführt wie zum Beispiel Bioterror. Wolfe führt das Beispiel der „Aum-Sekte“ an, deren Anhänger 1993 vom Dach eines Hochhauses in Tokio eine flüssige Suspension von Milzbranderregern versprühten. Aufgrund zu niedriger Sporen-Konzentration beziehungsweise durch fehlerhafte Gerätschaften misslang der Anschlag.

 

Sternenhimmel einer Galaxie

Buchbesprechung: Ein Sachbuch von Nathan Wolfe mit dem Titel „Virus“ ist von einem renommierten Virologen geschrieben und ausgiebig besprochen.

 

 

Eine Botschaft von Nathan Wolfe
und diesem Sachbuch:
Viren sind sehr mächtig

Schon im ersten Teil seines Buches zeigt uns Wolfe die Macht der Viren. Er schreibt über die spanische Grippe an der drei Prozent der damaligen Weltbevölkerung verstarben – und damit mit mehr Menschen, als Soldaten in sämtlichen Kriegen des 20.Jahrhunderts zusammen genommen.

Der Leser lernt mit den Augen eines Virologen auf Geschehnisse zu blicken wie dem Zusammentreffen von Influenzaviren, den Grippeerregern – und dem potentiell tödlichen Erreger der Vogelgrippe H5N1. Die Vermischung von viralen Erbinformationen zwischen verschieden Viren in Tier oder Mensch kann durch Verbindung von hoher Virulenz mit hoher Letalität ein für Menschen neues gefährliches Virus entstehen lassen. Das ist die Kernbotschaft.

Darüber hinaus plädiert Wolfe für die Eindämmung solch gefährlicher Viren direkt am Ursprung. „Das Hauptziel meiner Arbeit besteht darin, genau diese ersten Momente der Geburt einer neuen Pandemie aufzuspüren“.

 

Einblicke in das eigentlich Unsichtbare
von Nathan Wolfe

In seinem Buch führt er den Leser zudem an die Potenz des lebenden Mikrokosmos, dem uns Menschen nicht sichtbaren Leben der Bakterien, Viren und kleiner Eukaryonten heran. Hierbei wird dem geneigten Leser die große Artenvielfalt und Biomasse von Viren vor Augen geführt.

250 Millionen Viruspartikel finden sich bei elektronenmikroskopischer Zählung in einem Milliliter Wasser. Man erahnt die enormen Zusammenhänge, welche Viren und Bakterien für das natürliche Gleichgewicht in der Natur, aber auch in unserem Körper bedeuten. Und so verstehen wir nach der Lektüre auch die andere Seite, die Risiken, welche gerade von Viren ausgehen. Organismen mit der höchsten Mutationsrate aller Organismen, mit ständig neuen Tochterviren, welche neue Gensegmente eines anderen Virus in sich tragen können.

 

Nicht nur in dieser Buchbesprechung:
beunruhigend!

Ständig wird radikal neues geschaffen. Die Informationen können den Leser tief beunruhigen, zumal ihm an vielen Stellen des Buches die Gefahr durch Viren geradezu entgegenspringt. Natürlich werden die gefährlichen Viren vorgestellt – als da wären: HIV, Lassa, Ebola, Pocken, Bacillus Anthracis und die spanische Grippe. Und das für die Viren nur eines zählt: „Aus der Sicht der Mikroorganismen zählt bei den Auswirkungen auf den Wirt nur, welche Bedeutung sie für die eigenen Überlebens-und Fortpflanzungschancen haben“.

Viren werden als vermehrungsfähiger dargestellt, wenn sie den Wirt über längere Zeit am Leben lassen und so viele Opfer infizieren. Oder sie breiten sich rasch aus, dann können sie wiederum ihre Opfer auch schneller töten. Und noch etwas: Ein Impfgegner, der dieses Buch liest und versteht, mag selten sein, aber er würde nach der Lektüre wohl zum Impfbefürworter. Wolfe zählt 20 Milliarden Hühner und jeweils über eine Milliarde Rinder und Schweine 2010 zusammen, die gerade auf der Welt gehalten werden. Er kommt auf eine Zahl, die größer  ist, als jene Menge aller auf der Welt bisher gelebten Nutztiere bis 1960.

Als warnendes Beispiel: der Nipah-Virus

Da die Tiere in den Zuchtfarmen nicht völlig von der Umwelt abzutrennen sind, können immer wieder neue Erreger in diese Populationen eindringen. Als Beispiel hierzu wird das Nipah-Virus bei den Malaysischen Schweinen genannt, welches auf Menschen überspringt. Wolfe warnt vor den Risiken, welche die Massentierhaltung mit sich bringt. Aber er warnt genauso davor, Fleisch von zahlreichen verschiedenen Tieren wie etwa in einem HOT Dog zusammen zumischen und dann solche Produkte viele Menschen zu verteilen. Und noch etwas: Nathan Wolfe führt uns vor Augen, dass wir damit im Lauf unseres Lebens von Millionen von Tieren kleinste Mengen Fleisch konsumieren. Das ist also ganz anders, als wir es von unseren Vorfahren kennen. Aber auch die Vorteile der Massentierhaltung werden beleuchtet. Haus-und Wildtiere leben getrennt, die Zahl der Menschen, die mit lebenden Tieren in Kontakt sind, hat sich verringert.

 

Organisation Global Viral Forecasting

Wolfe stellt uns darauf seine neu gegründete Organisation Global Viral Forecasting vor. Das Ziel dieser Organisation ist Epidemien früh zu identifizieren und zu entschärfen, mit digitalen Signalen eine Seuche zu überwachen. Somit Vorbeugung zu ermöglichen, auf die Zusammenhänge der Übertragung von Viren aus Wildtieren auf die Menschen vorzubeugen.

Und manches erkennen wir wieder! So berichtet Wolfe am Ende seines Buches: „Auf der TED-Konferenz 2009 in Long-Beach machte der einflussreiche Medienanwalt Fred Doldring den Vorschlag, wir sollten einen sicheren Handschlag propagieren und uns statt mit den Händen lieber mit den Ellenborgen berühren. Sicherlich würde dies helfen, die Ausbreitung einiger Infektionserreger einzudämmen, genauso wie das Niesen in die Ellenbeuge anstatt in die Hand. Meines Wissens hat bisher niemand den gesundheitlichen Einfluss des Verbeugens in den Ländern wie Japan untersucht“.

 

Mikroskop, Nahaufnahme

 

Ja, ein Sachbuch. In dem es
Nathan Wolfe um unser Überleben geht

So warnt er vor der zunehmenden Pandemiegefahr durch die Globalisierung. Und er wirbt für die Unterstützung seines Präventionssystems. Das Werk ist etwas für Leser, die es sehr genau wissen wollen, die Viren und deren Risiken verstehen wollen. Der Naturwissenschaftler wird begeistert sein. Leser, die Informationen über das aktuelle Virusgeschehen, zu Impfungen oder Mutationsverhalten der Corona-Viren suchen, dürften allerdings mit der Lektüre nicht weit kommen. Dafür erhalten alle Leser mehr als eine Ahnung von den Abenteuern, welche Virologen in einsamen Gegenden dieser Welt erleben.

Nach der Lektüre bemerkt der Leser die Schwachstelle des von Nathan Wolfe vorgestellten Systems der Virenvorhersage: Die fehlende kalkulierte und potente Reaktion der Weltgemeinschaft auf Pandemiewarnungen.

Bei Ausbruch von SARS-CoV-2 Ende 2019 hatten Virologen weltweit zwar bereits im Januar 2020 den genetischen Code des Virus übermittelt bekommen, die Behörden vor Ort in Wuhan und dann die gesamte Weltengemeinschaft reagierten aber zunächst planlos und egoistisch. Das Rad der Globalisierung mit dem internationalen Reise-und Warenverkehr sollte nicht gestoppt werden.

 


Der Virologe fragte schon vor einiger Zeit
in diesem Sachbuch:
Haben wir einen internationalen Plan?

Wir erleben gerade die Folgen von verzögerten Reaktionen von Behörden, Regierungen und Entscheidern vor Ort auf den Ausbruch einer Pandemie. Dabei erahnen wir die Verwicklung von globalen Entscheidern in die verschieden nationalen Interessenkonflikte. Es fehlt an einem globalen Plan zur raschen Eingrenzung von Waren-und Reiseverkehr bei Ausbruch von neuen Viren mit zusätzlich eindeutigen einfachen Anweisungen zum Schutz jedes Einzelnen. Man fragt sich ob die jetzige Struktur der WHO einer neutralen Stelle der Weltengemeinschaft entspricht. Für wissenschaftliche fundierte und zudem schnelle Einschätzungen von Risiken aufkommender neuer Pandemien bedarf es eines unabhängigen Gremiums, welches sich paritätisch dynamisch entscheidet.

 

Ja, ein wichtiges Buch.
Und eine kleine Prophezeiung vom Rezensenten dieser Buchbesprechung

Man muss kein Prophet sein, um zu orakeln, dass jene Leser, die das Sachbuch „Virus“ vollständig lesen, noch zusätzliche Bücher zur aktuellen Pandemiesituation zusätzlich erwerben werden.

 

Titel des Sachbuchs:
Virus
Die Wiederkehr der Seuchen

Autor:
Nathan Wolfe

Verlag:
Rororo

Erstausgabe 2011
„The Viral Storm“ Times Books, Henry Holt, New York

Nathan Wolfe

Nathan Daniel Wolfe kam am 24. August 1970 in London zur Welt. Er ist ein US-amerikanischer Virologe und lehrte als Gastprofessor an der US-Universität Stanford. Zudem ist er Direktor der Global Viral Forecasting Initiative. 2019 gründete Nathan Daniel Wolfe die unabhängige Non-Profit-Firma Metabiota, welche sich auf die Bedrohung der Menschheit durch Pandemien spezialisiert hat. Das Magazin TIME hat Wolfe in die Liste der einflussreichsten Persönlichkeiten der Welt aufgenommen.

 

 

 

 

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