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Andreas Reckwitz setzt auf gesellschaftliches Risikomanagement

In einem Interview stellt der deutsche Philosoph fest, dass bisher ein gesellschaftliches Risikomanagement fast ausschließlich eine individuelle Angelegenheit gewesen war.

Für Andreas Reckwitz war sozusagen alles eine Frage der Eigenverantwortung, was nun durch die Schutzmaßnahmen gegen Corona unterbrochen wird. In diesem Zusammenhang geht er davon aus, dass nach der Corona-Krise der begonnene Wandlungsprozesse sich verstärkt. Zudem sieht er eine Art gesellschaftlich eingebetteten Liberalismus als Möglichkeit für die Zukunft. Letztlich glaubt Reckwitz , dass wir uns in einer ähnlichem  Paradigmenwechsel befinden wie etwa in der Zeit der 70er-Jahre.

 

Digitalisierung als Chance

Vor allem wird sich seiner Meinung nach dank der Krise die Digitalisierung der Gesellschaft forcieren. Hierzu zählt Andreas Reckwitz beispielsweise Digital Learning, Homeoffice wie auch Betreuung oder Onlinekonsum. Als weiteren wichtigen Punkt benennt er den Umstand, dass die Krise bewusst macht, dass „Globalisierungsprozesse mehr Regeln benötigen“.

Ein Epochenbruch namens Corona?

In einem Artikel in der Zeit präzisiert Reckwitz seine Einschätzungen. Daher wurde aktuell die Corona-Krise panisch zu einem ungeheuren Epochenbruch stilisiert. Jedoch sieht es seiner Meinung nach in Wirklichkeit anders aus. Vielmehr erfindet sich der Staat gerade neu, indem er Risikopolitik betreibt. Reckwitz weißt zudem darauf hin, dass die Kirse jetzt schon die am intensivsten kommentierte der Moderne ist. Im gleichen Zusammenhang verweist er auf die Schnelligkeit, mit der Medien wie aber auch Politiker mit extremen Urteilen bisher bei der Hand waren. Allerdings hält er dem entgegen, dass Zeitgenossen stets die Bedeutung des Selbsterlebten überschätzen.

Seines Erachtens wandeln sich stattdessen moderne Gesellschaften ständig. Eben dies ist ihr Normalzustand. Er verweist dazu auf den Beginn des 20. Jahrhunderts. Die damalige Ausbreitung der Industriegesellschaften bezeichnet er als eine Epochenschwelle. Später dann erwies sich diese frühe Version der industriellen Moderne als enorm verletzlich für Wirtschaftskrisen und politische Polarisierungen. Antworten waren darauf Roosevelts New Deal und der europäische Keynesianismus. Das Ergebnis war schließlich ein ruhigeres Fahrwasser – und dies solange bis die industrielle Moderne selbst erodierte. Nach Reckwitz könnte eben dies gerade der global-digitalen Spätmoderne ebenso bevorstehen.

 


Über Andreas Reckwitz

Andreas Reckwitz (1970 in Witten) ist ein deutscher Soziologe und Kulturwissenschaftler. 2005 wurde Reckwitz auf die Professur für Allgemeine Soziologie und Kultursoziologie an der Universität Konstanz berufen. Von 2010 bis 2020 war er Professor für Kultursoziologie an der Europa-Universität Viadrina. Seit 2020 ist Reckwitz Professor für Allgemeine Soziologie und Kultursoziologie an der Humboldt-Universität Berlin.

 

 

Links:
https://taz.de/Soziologe-ueber-Corona-Massnahmen/!5673083/

https://www.zeit.de/2020/25/corona-krise-staat-risikopolitik-andreas-reckwitz

 

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