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Rutger Bregman und sein Buch: Im Grunde Gut

Von gut und böse. Und vom Neandertaler bis heute. Das Buch des niederländischen Historikers Rutger Bregman handelt über das Gute im Menschen. Und es ist dann selbst auch sehr gut gelungen. Schließlich zeigt es Lösungswege, auf die viele warten und bietet eine umfassende Idee, wie es mit uns Menschen glücklich weitergehen könnte. Wie das alles im Einzelnen funktioniert und wo Rutger Bregman mit überraschenden Gedankengängen zu punkten weiß, das verrät Ihnen diese Rezension.

Nach fünfjähriger Arbeit erschien die erste deutscher Auflage im März 2020, genau richtig zu einer Zeit kurz vor der ersten Corona-Welle in Europa. So konnten viele in den  folgenden zwei größeren Lockdown-Phasen die 487 Seiten über das Gute im Menschen lesen. Eigentlich handelt es sich hier um eine Erfolgsstory, und zwar die des modernen Menschen über den Neandertaler, andererseits wieder um eine Forschungsarbeit über das Gute in uns.

Dabei führt der junge Autor den Leser zu den Vorzeiten der Menschheitsgeschichte, die als Geschichte des Lebens auf der Erde bereits  400 Millionen Jahre währt. Immer mal wieder nutzt Bregman auch illustratorische Mittel wie etwa eine eingestreute Illustration, ein Foto oder eine Zeichnung, welche der Veranschaulichung seiner Thesen dienen. Der Leser sieht die Skizze des Homo sapiens und des Homo Neanderthalensis und versteht sofort die Unterschiede. Der Schädel des Neandertalers, der an die Form eines Rugbyballes erinnert oder sogar an Begegnungen mit Menschen, die uns durch die grob geformte Kopfform mit trutzender Stirn schon wenige Male in unserem Leben begegnet sind. Kurz: Köpfe die an Vormenschen erinnern.

Der Leser erkennt hierbei auch seine eigene Physiognomie in einer weiteren Zeichnung mit dem Gesicht des  Homo puppy. Dessen Kopf kommt viel kleiner und  freundlicher als der des Neandertalers daher, er weist mehr Rundungen als Ecken auf. Die Quellenangabe zur Zeichnung ist selbsterklärend: „ Survival of the Friendliest “. Die Domestizierung von Wolf und Vormensch wird, wenn man so will hier verglichen. Als Züchter des Menschen verstehe ich den Menschen selbst, wir haben uns selbst zum netten und kommunikativen Lebewesen herangezogen.

Über Serotonine, das Weiß in den Augen, Neandertaler und noch viel mehr

Das im Buch dargestellte Ergebnis des neuen Menschen überrascht etwas mit den Attributen: „Freundliches Verhalten, mehr Serotonine, weibliches und jüngeres Aussehen, eine längere Jugend, verbesserte Kommunikation“. Serotonine sind Botenstoffe in unserem Nervensystem die sich positiv auf unsere Stimmung auswirken. Kurz, der „Homo Puppy“ ist entstanden, eine Selektion der Freundlichen. Offene Menschen mit kleinerem Augenbrauenbogen und lieblicherem Gesicht.

Der Mensch ist das  einzige Wesen auf Erden mit Weiß in den Augen, man erkennt daran seine Blickrichtung. Die Augen sind ein offenes Buch. Und dank diesen entstanden Verbindungen mit anderen Menschen. Der phantastische Name „Homo Puppy“ scheint eine Namenskreation des Autors zu sein. Er passt zu seiner Generation die in Zimmern voller Barbie- Puppen groß geworden ist. Und da bietet Bregmann auch direkt die Lösung für das rätselhafte Aussterben der kräftigen Neandertaler. Trotz ihrer hohen Intelligenz haben sie keine Nachfahren hinterlassen.

Der „Homo Puppy“ war netter und somit mit mehr Menschen vernetzt. Der „homo puppie“ musste das Angeln nicht ständig neu erfinden sondern alle lernten das Angeln voneinander, Nachahmen reichte, und was der Einzelne nicht schaffte, gelang  im Team.  Die männlichen Barbiepuppen sind fast alle schlank, smart,  mit offenem Blick, vielleicht gute Teamer. Die weiblichen meist hübsch in kurzen Kleidern. Eine in der Barbie-Welt natürlich männliche Puppe mit Bart und  kariertem Hemd könnte einem Erfinder oder  Virologen entsprechen. Es reichte als Selektionsvorteil, so erklärt Bregmann die Entwicklung, wenn unter uns einige wenige das ständige Erfinden übernehmen und den anderen z.B. über WLAN neue Errungenschaften präsentieren und sie für alle nutzbar machen. Bregman stellt den Bezug zum modernen Menschen her.

 

Schwarzweißzeichnungm Höhle mit Steinzeitmenschen bzw. Neandertaler

Das Buch „Im Gunde Gut“ von Rutger Bregman bezieht sich auch auf die hier abgebildeten Steinzeitmenschen

Neandertaler

War der viel besprochene Neandertaler eigentlich gut oder böse? Möglicherweise war dieser weniger böse, sondern ebenfalls auch gut, aber das führt zu weit und steht auch nicht im besprochenen Buch.

Jedoch erwahren wir nun darin mehr über den Untergang der Neandertaler. Der Autor hält diesen nicht für die  Folge eines grausamen Genozids, sondern vielmehr als Folge geänderter klimatischer Bedingungen in der letzten Eiszeit – was also 115000 bis 15000 Jahre vor Chr. geschah. Er hält den „Homo Puppie“ für besser gewappnet um in seinen sozialen Netzwerken einem rauen Klima zu trotzen. Mir bekannte Theorien über eine plötzliche Abkühlung des Klimas auf der Welt nach einem gewaltigen Meteoriteneinschlag im Atlantik fügen sich da ein.

Große Meteoriteneinschläge führen beim Aufschlag auf Wasser oder Land zu einer Verdampfung von Gestein, der aufsteigende Staub und Schwefel verteilt sich über den gesamten Globus und führt zu einer raschen Klimaabkühlung. Die entstandenen Schwefelverbindungen bleiben mehrere Jahre in der Stratosphäre, ein Möglichkeit für zukünftiges Geoengineering. Jedenfalls sieht Begemann die prähistorische Zeit vor Erfindung der Landwirtschaft  fast als goldenes Zeitalter der Menschen an.

Das Leben als Nomaden in Kleingruppen vor der Sesshaftwerdung der Menschen hatte zwar Anführer, die waren aber gruppendynamisch unter Kontrolle. Die Menschen haben sich auf der Erde durchsetzen können weil sie miteinander  und nicht gegeneinander gearbeitet haben. Als vor 15000 Jahren die letzte Eiszeit endete muss etwas schiefgelaufen sein.

Das „stnuggle (Kuscheln) vor survival“  in Kleingruppen hörte auf, der Mensch ließ sich im Land zwischen Nil und Tigris wo Milch und Honig fließt, nieder. Landwirtschaft, Besitz und Städte entstanden, eben die Ungleichheit und damit Kriege. Die „ Die Ära der Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit war vorbei…..Großmäuler wurden zuerst Kapitäne, dann Generäle, dann Könige“. In den früheren Sippen zwischen 50 und 100 Menschen kannte jeder jeden. Anführer, die dem Gemeinwohl schadeten, wurden von dem kleinen Kollektiv rasch entmachtet.

 

Der Mensch? Im Naturzustand gut und lieb

Nach diesen Informationen der ersten 100 Seiten konnte der Leser falls er noch im Lockdown oder Homeoffice verweilte direkt die Vor-und Nachteile der kleinen Kollektive erleben und dazu eben auch wie sich Machtverhältnisse rasch verschieben können. Im weiteren Verlauf hilft uns das Buch die neuen Probleme zu meistern.

Die Sache ist nicht gut, sondern wird sehr gut: Der Leser hat zuvor erfahren dass die Menschen im Naturzustand gut und lieb sind und das auch sein wollen. Nur werden wir von Demagogen, Diktatoren und Faschisten vor etwas vermeintliche Gutes gespannt um dann Schlechtes in ihrem Auftrag zu tun. Die schrecklichen Verbrechen der Nazis, die Religionskriege und vieles mehr.

Und das Böse? Den Anhängern einer schlechten Idee wird geschickt das Gute der gesamten Sache vorgegaukelt und sie lassen sich von der Macht korrumpieren. Die bösen Mächtigen gehören zu den wenigen Bösen unter den Menschen, sie erröten nicht, sind narzisstisch, arrogant, schamlos und grobschlächtig. Sie finden ständig Gründe für ihre Privilegien.



Das Kapitel „Die Kraft der inneren Motivation“ lässt den Leser staunen, da er zunächst über das zynische Menschenbild des Kapitalismus gelesen hatte und vom Taylorismus, der genauen Vermessung von Leistungen, um Fabriken maximal effizient zu gestalten – eben von Zuckerbrot und Peitsche. Von gefilmten Lageristen, von 7 Minuten Zeit um Stützstrümpfe anzuziehen und von Ärzten die Diagnose-Behandlungskombinationen maximieren, von gekürzten Arbeitslosengeldern damit die Leute vom Sofa hochkommen.

Und das alles ist in unseren Köpfen entstanden: Religionen, Staaten, Geld. Durch Geschichten, die uns unsere Anführer erzählen, ohne dass wir ihnen jemals die Hand geschüttelt haben. Hier wird nun der israelische Schriftsteller und Philosoph Yuval Noah Harari zitiert: „Es geht im Grunde um Geschichten und darum, andere Menschen von der Wahrheit der Geschichten zu überzeugen“.

 

Präzise & wissenschaftlich

Bregman überführt mit wissenschaftlicher Präzision etliche immer wieder zitierte Verhaltensstudien der Soziologie und Psychologie, deren Ergebnisse bisher für das Schlechte der Menschen angeführt wurden als Fälschungen. So das Stanford-Prison-Experiment, in dem sich brave zum Teil pazifistische Studenten zu Monstern entwickelten. Jedoch hatte der Studienleiter hatte sie in eine böse Situation getrieben. Die gesamte Studie von einem gewissen Philip Zimbardo entlarvt der Autor Rutger Bregman als Fälschung.

Die Idee, Uniformen zu tragen und die als Gefangene geltenden studentischen Versuchspersonen nur mit Nummern zu benennen und ständig zu erniedrigen, war nicht die Idee der Versuchspersonen. Sie war vorher bereits von der eingeteilten Wärtergruppe erlernt worden. Die Welt war von Zimbardo über 40 Jahre in hunderten Interviews und Artikeln über die angebliche Fähigkeit zur Grausamkeit, zu der zufällig ausgesuchte Studenten und damit das Böse im Menschen, einfach getäuscht worden. Die eingeteilte Wärtergruppe war also instruiert worden, böse zu sein. Punkt.

Neandertaler schaut den Leser an

Rutger Bregman und sein Werk: Im Grunde Gut. Rezension zu einem Buch bzw. Sachbuch. Über Neandertaler und das Böse.

 

Positiv und gut:
Die Lösungsansätze und Beispiele

Ja, gut: der Autor entwickelt im zweiten Teil seine Buches Lösungsansätze, nennt Beispiele wie es bereits anders läuft und für viele anders laufen könnte. Da wird auf  Vorbilder wie Jos de Blok dem Gründer eines holländischen ambulanten Pflegedienstes eingegangen. Er hat Teams von etwa 15 Pflegekräften gebildet. Diese organisieren sich zur Versorgung von Pflegebedürftigen autark in jedem Team. Bregman lässt sie selbstbestimmt walten, inzwischen mit europaweitem Erfolg.

Auf die  Frage wie er seine Mitarbeiter motiviere antwortet er: Gar nicht. Begmann zitiert Studien die zeigen wie Boni Mitarbeiter moralisch abstumpfen und ihnen die innerliche Motivation nehmen. Der Leser begreift wie ganze Führungsetagen  in einer entfremdeten Arbeitswelt betrügen können und Distanz zu Mitarbeitern und Kunden der Handlanger des Bösen ist.

Das Gute im Menschen

Er zeigt, dass die Menschen bei Kontakt miteinander fast immer gut sind und auch Soldaten wenn sie sich an den Fronten mit Gewehren gegenüber standen fast immer  daneben schossen oder mit Bajonetten meist nie zustachen. Weit weg von den Fronten sitzen die Demagogen welche dem Volk die angebliche Gottlosigkeit der anderen oft im Namen eines Gottes weismachen. Guerillakämpfer werden als normale Menschen erkannt die mit ihren ehemaligen Gegnern durch Wiedereingliederungsprogramme friedlich zusammenleben können.

Der Autor erzählt von wahren demokratischen Strukturen. Solchen, in denen Bürgermeister ihre Macht an die Bürger weiterreichen, indem sie über die Verteilung der Investitionsbudgets demokratisch in Versammlungen selbst entscheiden dürfen. Mit der Folge dass nicht mehr Beamte über das was Bürger brauchen entscheiden. In der Stadt  Torres in Venezuela  war kam es dadurch zu einer stark rückläufige Korruption und Klientelpolitik.

 

10 Regeln zu einem guten Leben.
In einem Buch von Rutger Bregman

In Begemans zehn Lebensregeln steht als erstes Gebot:  „Geh im Zweifelsfall vom Guten aus“. Man solle dabei aber einkalkulieren dass man auch schon einmal betrogen werde. Und dann ist Verzeihen eine Win-win-Situation, also ein guter Deal. Begeman zitiert hierzu Konfuzius: „ Was du nicht willst, das man dir tut, das füg auch keinem anderen zu“. Immerhin ist das eine mittlerweile 2.500 Jahre alte Aufforderung zu Empathie und zum Mitgefühl. Darüber hinaus bietet uns der Autor einen hervorragenden Einblick in ein ambitioniertes Strafvollzugskonzept in Norwegen. Dieses verfügt über offene Türen und waffenlose Wärtern. Die anschließende Resozialisierungsrate dieser Straftäter ist weit höher als im konventionellen Vollzugssystem.

Nicht erst seit dem Neandertaler:
Der Verstand

Rutger Bregman fordert etwas weiteres, sehr wichtiges: nämlich unseren Verstand zu benutzen. „Oft halten wir den Mund wenn wir Unrecht sehen weil wir nicht als Miesmacher dastehen wollen … und wie oft stellen wir Menschen, die ihre Rechte einfordern als Querulanten hin“. Wir haben uns mit unserem Verstand immer wieder klar zu machen, dass auch Fremde, die weit weg sind, gut sind und Angehörige haben, die sie lieben. Schießt man dann ein Flugzeug ab?

Das siebte Gebot lautet: „Meide die Nachrichten“, und damit meint der Autor besonders die der neuen sozialen Medien mit giftigen Produkten, die unsere schlechten menschlichen Seiten zur Generierung von Aufmerksamkeit vergrößern. Begmann drückt sich nicht vor scheinbar unlösbaren Problemen, er beschreibt wie der Kontakt mit Neo-Nazis und Botschaften an diese etwas verändert. Also dem Feind die Hand hinhalten und daran denken, dass das Gute und die Freundlichkeit ansteckend sein kann. Und zum Schluss des Buches kommt eigentlich erst das Beste: „Wir leben auf dem Planeten A, auf dem Menschen zutiefst zum Guten neigen … folgen sie ihrer Natur und schenken sie Vertrauen … es ist Zeit für ein neues Menschenbild, für einen neuen Realismus“.

 

 

Rutger Bregman & Corona

Bregman hat sein Buch kurz vor der Corona-Zeit herausgebracht, sein Optimismus und sein Glaube an das Gute im Menschen brauchen wir in der aktuellen Zeit, die ich Übergangszeit während der Corona-Pandemie nenne. Und: Der moderne Mensch wird durch seine Fähigkeit zu gemeinsamen Lösungen auch dieses Virus in seine Schranken weisen. Wir arbeiten fast alle daran – und die meisten Menschen taugen etwas. In diesem Sinne ist dann auch der holländische Originaltitel des Buchs zu übersetzten: „De meeste Mensen taugen“.

Etwas Persönliches und Menschliches ganz zum Schluss: Bregmans Buch hat mich so sehr begeistert. Direkt nach der letzten Seite ist daher der Autor in die kleine Buchhandlung des eigenen Wohnorts geeilt und hat weitere Exemplare für die Familie und einige Freunde zum Verschenken bestellt.

 

Ja, das ist nicht nur im Grunde gut:
Viel Lob für einen noch jungen Autor und Historiker

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Der Autor und Historiker ruft dazu auf, mutig zu denken und plädiert für einen Systemwechsel hin zu einer gerechteren, sozialeren Gesellschaft.

 

Rutger Bregman

Rutger Bregman (* 26. April 1988 in Renesse) ist ein niederländischer Autor und Historiker. Seine Artikel erscheinen u.a. in der Washington Post, auf BBC sowie diversen niederländischen Medien. Daneben ist er Autor mehrerer Sachbücher. Beim Jahrestreffen des Weltwirtschaftsforums in Davos sorgte er 2019 für Aufsehen, als er eine „gerechte Besteuerung für Reiche“ forderte.

 

Im Grunde Gut

Rutger Bregman

3/20  Rowohlt Verlag

 

Autor der Rezension: Dieter Mainka

28.11.2020

 

 

 

 

 

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