Informationen und Impulse für das Corona-Zeitalter
 

Anthropologe Michael Taussig fragt, ob ein Schamane bei Corona helfen könnte

5 1 Stimme ab!
Article Rating

Um es gleich vorwegzunehmen, eine konkrete Antwort gibt der Anthropologe nicht. Aber dafür Denkanstöße, welche die etablierten Denkmuster verlassen.

 

Michael Taussig stellt sich die Eingangsfrage bezüglich Corona und Schamane stellt sich nicht Michael Taussig, sondern ein Freund ihm. Er selbst betont jedoch, dass jener aus dem mittleren Westen der USA stammt. Somit hat dieser wahrscheinlich westeuropäische Vorfahren, während Michael Taussig bekanntlich Australier ist, also aus jenem Land der Aborigines stammt. Und ja, dieses Aufbröseln nach Abstammung und Lebensbezug ist nicht ganz unwichtig, denn es geht im Folgenden um Sichtweisen auf die Pandemie und den kulturell eher verrufenen Schamanismus. Vor allem ist die Frage an sich spannend, ob also Medizinmänner und -frauen uns Fortschrittsgläubigen aus der Seuchenpatsche helfen könnten.


Performancekunst – als Hilfe

Ja, Schamanismus ist letztlich eine tiefgehende Performance-Kunst und damit keine oberflächliche Zaubershow aus Las Vegas. Das erläutert Taussig aber nicht, sondern betont lediglich, dass er die Frage des Freundes für vernünftig hält – mit der Einschränkung, dass „alles davon abhängt, welche Art von Schamanismus und welche Art von Hilfe“ gemeint ist. Er selbst hält den Schamanismus für keinen Ersatz bezüglich Wissenschaft und Virologie. Aber als Performance-Künstler könnte ein Schamane dann durchaus die Panik dämpfen, die soziale Isolation erleichtern und den Zusammenhalt fördern.

Damit wäre erst einmal die Frage beantwortet, inwieweit Schamanismus ein Teil der Lösung ist. Aber es geht noch weiter, denn Taussig verweist darauf, dass man während der „Occupy Wall Street“ in NYC brennenden Salbei riechen konnte. Dies wurde, erklärt er, vom Schamanismus der amerikanischen Ureinwohner gelernt.

 

Corona ist eine kulturelle Angelegenheit,es entspringt letztlich unserem kollektiven Unterbewusstsein, dies ist eine der Botschaften des Artikels von Michael Taussig

Taussig verweist vor allem auf surreale Kunstrichtungen, um auf das an sich surreale der aktuellen Pandemie hinzuweisen. Dies interpretierend könnte man auch sagen, Corona ist eine kulturelle Angelegenheit, in welcher die Ängste unseres Unterbewussten einem surrealer Künstler gleich die Welt umformen. Was also da draußen geschieht, ist real und surreal zugleich. (Bildquelle Wikipedia Common)

Der Kult

Michael Taussig ist für manche Kult, für andere halt ein Anthropologe und für den verbleibenden Rest ein schräger Vogel. Wie auch immer, er widmet sich unter anderem in seinem im März 2020 veröffentlichten Artikel dem italienischen Künstler Giorgio de Chirico.

Zu dessen Gemälden bemerkt Taussig: „Allein in Städten mit leeren Straßen und Plätzen zu sein, ist schamanischer als die „echte Sache“ (real thing). Hier kommen wir also zur Sache, denn die sich herausschälende These des kurzen Artikels ist es unter anderem, dass das, was wir in Zeiten des Lockdowns erleben, durchaus an surreale Kunst erinnert. Und irgendwie ist damit im Verbund der Schamanismus. Anders gesagt: Es ist eine Art LSD-Rausch, in dem die Bilder von Künstlern wie de Chiricos oder Dalis lebendig werden – und manchmal auch jene von Marcel Duchamp, wenn es zum Beispiel um Toiletten und Klopapier geht.

 

Entzauberung und Albträume

Michael Taussig fragt sich, wie wir den Klimawandel bisher gesehen haben. Und er antwortet darauf für sich selbst: Die westlichen Kulturen entzauberten schon vor langer Zeit die Natur. Insofern leben wir heute in einem nackten Universum. Und dieses erscheint, wenn wir uns ängstigen, mitsamt seiner dunklen Ästhetik wie ein surrealer Albtraum. Er kommt zu der abschließenden Frage, ob die Pandemie den Surrealismus zurückkehren lässt. Schließlich wird jetzt – im Jahr 2020 – der „Tod in Venedig“ ja tatsächlich wirklich. Und dazu fliehen „Touristen in ihren Pestkreuzfahrtschiffen in einer Wiederholung von Michel Foucaults Great Confinement … „.

 

Ironie und „wahre Medizin“

Schamanismus hin oder her: Der Anthropologe bescheinigt den Menschen früherer Kulturen abergläubisch gewesen zu sein. Wir sind einen Schritt weiter, so deutet er es ironisch, denn in Krisenzeiten horten wir heute Toilettenpapier in großen Mengen. Und dann, am Ende des kleinen wie feinen Artikels verrät er dem geneigten Leser, was wohl die beste Medizin wäre: Es ist das „göttliche Summen des entzauberten Universums, das die Türen der Wahrnehmung öffnet, genau wie das Virus“. Zugegeben, es dauert, bis man diesen letzten Satz versteht und dann wird man möglicherweise das zuvor Gelesene wie einen Werbetext deuten, welcher empfiehlt, den echten und tiefen Zauber des Lebens neu zu erlernen.

 


YouTube

Mit dem Laden des Videos akzeptieren Sie die Datenschutzerklärung von YouTube.
Mehr erfahren

Video laden

Film über einen Vortrag von Michael Taussig, worin dieser sich und seine Arbeitsweise vorstellt.


Michael Taussig

Michael Taussig (* 3. April 1940, Sydney) ist ein australischer Anthropologe. Als studierter Mediziner promovierte er im Fach Anthropologie. Er bekleidet eine Professor an der Columbia University. Taussig publiziert im Bereich der medizinischen Anthropologie und erlangte Bekanntheit für seine Auseinandersetzung mit marxistischen Theorien zum Warenfetischismus im Kapitalismus, wobei er sich intensiv mit Walter Benjamin beschäftigte.

 

Links:
https://anthropology.columbia.edu/content/michael-t-taussig
https://criticalinquiry.uchicago.edu/posts_from_the_pandemic/

 

 

Share Post
5 1 Stimme ab!
Article Rating
Subscribe
Notify of
0 Comments
Inline Feedbacks
Alle Kommentare betrachten