Informationen und Impulse für das Corona-Zeitalter
 

Sloterdijk sieht bei Corona Anfangsübertreibungen übertroffen

Der deutsche Philosoph Peter Sloterdijk weist darauf hin, dass die anfänglichen Übertreibungen der Medien im Fall Corona schon bald von der Realität übertroffen wurden.  


Denn es geht den Medien darum, so erläutert Peter Sloterdijk, dass ein Geschehen nie schlimm genug sein kann. Das wiederum entspricht dann auch der klassischen Rhetoriklehre. Seiner Meinung nach erleben wir daher mit der Corona-Krise eine Art großes medientheoretisches Seminar. Damit verbunden ist ein Ausnahmezustand, in dem ein Monothematismus entsteht. Wiederum lässt sich derzeit hervorragend erkennen, wie sich die Stimmungen von modernen Gesellschaften von Tag zu Tag ändern. Diesen Umstand beschreibt er als Erregungsräume, welche durch sich abwechselnde Themen gesteuert werden.

Er analysiert, dass die professionellen Medienmacher diesen Vorgang stets mit etwas Übertreibung anreichern. Als Beispiel hierfür fügt Sloterdijk die AfD-Aufregung in Deutschland an. Diese hält er für ein Luxusthema „für unterbeschäftigte Übertreiber“. Ein weiteres nennenswertes Beispiel bildet seines Erachtens die MeToo-Welle. Diese hatte zwar einen ernsten Kern, um den sich dann aber „sofort die Übertreibungsunternehmen“ anlagerten.

 

Der Philosoph und seine Deutung

In Sachen Corona und Deutung kommt Peter Sloterdijk wiederum zu einer anderen Einordnung der Geschehnisse. Denn anders als zuvor aufgezeigt, schrieben die Medien die Dinge zwar hoch, aber eine nüchterne Beschreibung der Verhältnisse in italienischen, französischen, spanischen Krankenhäusern zeigt eigentlich nochmals schlimmeres: „Wir zählen Leichen, für Übertreibung ist kein Platz mehr“, betont Sloterdijk. Er folgert, dass die Medien jetzt lieber Probleme verkleinern möchten – und verweist darauf, dass die Zahlen steigen und die entsprechenden Bilder sich ungewohnt zurückhalten. Mit einem lapidaren „sehr ungewohnt“, schließt er schließlich diese Betrachtung.

 

Peter Sloterdijk

Peter Sloterdijk (*26. Juni 1947) studierte von 1968 bis 1974 in München und an der Universität Hamburg Philosophie, Geschichte und Germanistik. Im Jahre 1976 wurde er von Professor Klaus Briegleb promoviert. Darauf folgte von 1978 bis 1980 ein langer Aufenthalt im Ashram von Bhagwan Shree Rajneesh im indischen Pune. Schließlich arbeitete er als freier Schriftsteller. Das bereits 1983 publizierte Buch „Kritik der zynischen Vernunft“ zählt bis heute zu den meistverkauften philosophischen Büchern des 20. Jahrhunderts. Von 2001-2015 war Sloterdijk Rektor der Staatlichen Hochschule für Gestaltung in Karlsruhe.

Link:
https://www.zeit.de/2020/16/peter-sloterdijk-corona-krise-gesundheitspolitik

 

Share Post