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Corona führt zu einer neuen Kultur oder zum Weltkollaps – sagt der Historiker Yuval Noah Harari

Yuval Noah Harari ist aktuell der weltweit berühmteste Historiker. In einem Interview mit t-online (Oktober 2020) nimmt Harari ausführlich zum Thema Pandemie beziehungsweise Corona Stellung. Es sei vorweggenommen, der Bestsellerautor sieht eine neue Ära aufkommen und noch haben wir die Wahl, ob diese eine positive oder negative wird.

 

Eine historische Einordnung –
von Yuval Noah Harari

Nach Yuval Noah Harari ist die aktuelle Pandemie bei weitem nicht so gefährlich wie vergangene Seuchen. „Das Coronavirus ist nicht der Schwarze Tod aus dem Mittelalter und auch nicht die Spanische Grippe von 1918“, denn diese waren seiner Meinung nach medizinisch weitaus desaströser. Demgegenüber stellt Harari die politischen wie auch wirtschaftlichen Aspekte, welche dramatischer erscheinen. Schließlich können die Auswirkungen auf diesen Gebieten sogar zum Kollaps der Weltordnung führen. Auf jeden Fall kommt es zu einer weiteren Destabilisierung. Diesem Gedankengang folgt auch die Aussage, dass die Menschen in einigen Jahrzehnten sich wahrscheinlich nicht an die Epidemie erinnern werden, sondern an den Moment, als die digitale Revolution Wirklichkeit wurde.

 

 

In China schon etabliert: die Überwachung der Bevölkerung

Der berühmte Historiker befürchtet, dass die Überwachung der Bevölkerung wie wir sie etwa aus China kennen auch in den westlichen Demokratien Einzug halten wird. „Eine 24-Stunden-Kontrolle ist in unserer zunehmend digitalen Welt überhaupt kein Problem mehr.“ Zudem seien die die derzeitigen Maßnahmen vor einem Jahr im Westen noch undenkbar gewesen. Somit befinden wir uns in einer beschleunigten Tendenz, deren Ergebnis die totale Überwachung sein kann, da dies plötzlich aufgrund der Pandemie akzeptabel geworden ist. Als Beispiele nennt er hierzu die Speicherung von Gesundheitsdaten oder die Angabe von Namen und Adressen beim Restaurantbesuch.

Andererseits erklärt Harari nüchtern ein neues Exportmodell Chinas. Danach werden die dortigen Methoden bezüglich zur Bekämpfung der Pandemie  exportiert – und schließlich auch auf andere Krankheiten wie Grippe oder Krebs angewendet werden können. „Es wäre ein autoritäres Regime, wie es dieser Planet noch nicht gesehen hat. Eine Diktatur, die schlimmer wäre als Nazideutschland oder die Sowjetunion unter Josef Stalin …“. Anders gesagt: Die Bekämpfung von Krankheiten führt in Zukunft möglicherweise zur Unterwerfung der gesamten Menschheit.

Man muss bis ins Steinzeitalter zurückgehen, um eine Gesellschaft zu finden, die vor Epidemien vollkommen geschützt war, weil sie isoliert war. Zweitens ist nicht Isolation das Gegenmittel zur Epidemie. Wir brauchen verlässliche und gute Informationen, die auf der Länderebene als auch auf der Ebene der Individuen geteilt werden.

Harari, Handelsblatt, März 2020

Harari spricht über den Fortschritt & Biotechnologie

Für den Historiker Yuval Noah Harari hat sich das Leben des Menschen im Laufe seiner Geschichte nicht verbessert, zumindest wenn man die Arbeitsleistung des Einzelnen in Korrelation zu dessen Wohlstand betrachtet. So kam es nach tausenden von Jahren erst im 20. Jahrhundert zu einer nennenswerten Verbesserung des Lebensstandards sowie einer Verlängerung der Lebenserwartung.

Daneben hat es vor 50.000 Jahren neben dem Homo sapiens mindestens fünf weitere menschliche Arten gegeben. Dabei weiß auch Harari nicht, ob es zu ethnischen Säuberungen kam oder diese allesamt bis unsere Vorfahren allmählich verschwanden. Ohne nennenswerte Ironie verweist er hierbei darauf, dass sich aktuell mit der künstlichen Intelligenz eine neue Entität etabliert hat. Diese könnte uns das antun, was „wir den Neandertalern angetan haben“.

 

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Von der Nadel zum Geschichtenerzählen

Ein origineller Gedanke von Harari lautet: Es war die Nadel, welche es dem Homo sapiens ermöglichte, die Welt zu erobern. Denn dank warmer Kleidung konnte dieser vor etwa 15.000 Jahren Amerika erreichen. Dort angekommen verursachte er dann auch gleich einmal eine der größten ökologischen Katastrophen der jüngeren Erdgeschichte. Übrigens wurden dabei die dortigen Mammuts und Riesenbiber allesamt ausgerottet. Und ganz woanders, also auf dem  australischen Kontinent war es auch nicht viel anders.

Daneben weist uns der berühmte Historiker auf einen besonderen Umstand hin: Es zeichnet den Menschen der Umstand aus, sich Geschichten zu erzählen. Letzteres lässt diesen zusammenarbeiten – und auch dieser Umstand kann gut wie schlecht ausfallen. „Wir erfinden Geschichten, und wir setzen sie ein, um andere Menschen an uns zu binden und von unseren Ideen zu überzeugen“, sagt Harari. Er fügt an, dass wir tatsächlich eine neue Erzählung zur Rettung unserer Zivilisation benötigen. Diese wäre dann eine, welche jene der Banker ersetzt, welche unzählige dazu verführt, für ein paar Papierscheine über lange Zeiträume zu schuften.

 

Globale Kooperationen sind notwendig –
erst recht in Zeiten der Pandemie

In einem Interview mit der Frankfurter Rundschau im Mai 2020 kritisiert Harari den zunehmenden nationalistischen Isolationismus. Zwar bestehen einige internationale Kooperationen fort, aber letztlich gibt es in den politischen und ökonomischen Bereichen kaum Zusammenarbeit. Dabei wäre eine globale Kooperation besonders wichtig für die Zukunft. Schließlich gilt es nicht nur die gegenwärtige Krise zu überwinden, sondern auch die Welt auf künftige Epidemien vorzubereiten. Zudem sind Klimawandel, mögliche Atomkriege wie auch das Aufkommen von autonomen Waffensystemen ständige Gefahren. Er kommt bei diesem Gedankengang zu dem Schluss, „dass es gar keinen Widerspruch zwischen globaler Kooperation und nationaler Loyalität geben muss“.


 

Die Welt nach Corona

In einem allgemein zugänglichen Essay nahm Yuval Noah Harari im Mai 2020 zu der Pandemie fundiert Stellung. Er verweist darauf, dass die Aufforderung sich zwischen Privatsphäre und Gesundheit zu entscheiden, die eigentliche Wurzel des Problems ist. Er stellt klar, dass der Schutz der Gesundheit nicht zwangsläufig zu einer totalen Überwachung der Bevölkerung führen muss – sondern umgekehrt die Macht den mündigen Menschen gegeben werden sollte. Dabei verweist er auf Beispiele, wo der Staat umfassend informierte und sich darauf die Bevölkerung sehr umsichtig und sozial verhielt.

Insgesamt lehnt er vehement den Einsatz von Überwachungstechnologien ab. Denn jene Technologie, „die Husten identifiziert, könnte auch das Lachen identifizieren“. Was folgt, wird wahrscheinlich eine Massenerfassung von Daten sein, die wiederum zu einer totalen Manipulation der Bevölkerung führen kann.

 

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Film über den Historiker Yuval Noah Harari

 

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In seinem neuen Buch «Homo Deus» kommt Harari zu der Aussage, dass die Menschheit in der bekannten Form vor dem Ende steht. Zum Beispiel werden seines Erachtens in mehreren Jahrhunderten Zyberwesen die Nachfolge der heutigen Menschheit angetreten haben. Der Historiker legt zugleich eine große Anzahl von Thesen, Argumenten wie auch Fakten großflächig dar.

Antrieb zu diesen starken Veränderungen der menschlichen Kultur ist nach Harari unter anderem der menschliche Hunger nach Macht und Glück. Dabei hat sich jedoch heute schon der Trieb nach der Macht wie auch Produkten als gescheitert herausgestellt. Die Reise der Zukunft ist also eine nach Innen – zumindest legt dies Harari umfassend im Interview dar. Übrigens widerspricht letzteres nicht unbedingt der aufgezeigten Umwandlung des Menschen.

21 Million Lights

Yuval Noah Harari

Yuval Noah Harari (* 24. Februar 1976 in Kiryat Ata, Bezirk Haifa) ist ein israelischer Historiker und lehrt als solcher an der Hebrew University in Jerusalem. Seine Bücher „Eine kurze Geschichte der Menschheit“, „Homo Deus“ und „21 Lektionen für das 21. Jahrhundert“ wurden internationale Bestseller. Ende 2020 erschien seine Graphic Novel „Sapiens. Der Aufstieg“.

 

 

 

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